Verheißung

‚BON DIEU! …‘ dachte mein Vater, als er die andere Seite des Flußes erreicht hatte, ‚ … in jenes Land werde ich niemals wieder zurückkehren.‘

Mir persönlich wäre es ja lieber gewesen, er hätte sowas wie „unendliches Universum, verdammich!“ gemurmelt oder so, statt mit irgendeinem Gott auf den Lippen die nächste Seite in seinem Leben aufzuschlagen … aber naja egal, was ?

Ein kurzer, starker Ruck ging durch die Fähre, als sie knirschend gegen das Ufer rummste. Dann folgte ein kurzer sowie hektischer Moment, als die dichtgedrängt stehenden Passagiere um ihn herum wie auf Kommando alle gleichzeitig sich und ihren Kram sortierten. Dann verließen die dichtgedrängte Menge kurzerhand und mehr oder weniger ebenso gleichzeitig den Kahn, der an dieser Stelle C.d.I. mit Burkina Faso über den Schwarzen Volta verbindet, und zwar bis auf den heutigen Tag, wenn ich den Auskünften meiner Schwester Tzega trauen kann, was ich uneingeschränkt tue. 

Der dichtgedrängten Menge folgte nach längerer Zögerei Dad, mit seiner Ente vorsichtig über die Holzbohlen balancierend, die die Fährkahn-Männer für ihn routiniert ausgelegt hatten, damit er sozusagen anlanden konnte. Der Schwarze Volta, von welchem es auch einen in weiß und rot gibt, machte hinter Blen einen breiten, schlammig-gelben Bogen in die grüne Landschaft und ist damit eine um Längen bessere Metapher für den Schnitt, der an dieser Stelle im Leben meines Vater geschah, als endlose Savannen oder irgendwelche umgeschlagenen Bücherseiten, und das war und ist die volle Wahrheit.

-Willkommen in Ober Volta- stand in Großbuchstaben auf einem schwarz-weiß-roten Schild in französisch, also „Bienvenue en Haute Volta“, denn so hieß damals Burkina Faso noch lange, mehr als zwanzig Jahre noch. Ja, und wer sowas nicht weiß, Wissen ist ja nur wenige Klicks entfernt von hier. 

Oben auf der Uferböschung hob der Grenzposten den Schlagbaum und winkte freundlich meinem Vater zu. Eigentlich winkte der Mann der dichtgedrängten Menge vorheriger Fährpassagiere vor seinem sich hebenden Schlagbaum zu, aber in diesem Moment hatte Dad halt einen anderen Eindruck; er empfand es als gutes Omen oder jedenfalls sowas in der Art. Mehr oder weniger reflexartig trat er aufs Gaspedal, um mit wohldosierter Geschwindigkeit den Uferhang hinaufzutuckern, hinein nach Haute Volta, das zweite fremde Land, das er zum ersten Mal zu Gesicht bekam. 

Der Grenzposten fragte Blen nach zu verzollender Ware und verzollbaren Gütern statt nach seinen Papieren, was meinen Vater nur solange verwunderte, bis er kapierte, es mit einem schnöden Zollposten zu tun zu haben. Und dann erkannte er weiter, dass er ganz schnöd` reineweg nix zu verzollen hatte. Er hätte auch kein Geld gehabt, um irgendwelche Gebühr abzudrücken, nicht mal für ein kleines Bakschisch reichte es, er hatte rein gar nix, nicht mal die sprichwörtliche Zahnbürste. Habe und Kohle waren mit dem Haus der Wirtin untergegangen, und den restlichen Rest hatte der erstaunliche Lieutenant aus C.d.I. dann doch irgendwie vergessen, ihm wieder auszuhändigen, fiel meinem Dad an dieser Stelle auf und ein. Er besaß natürlich noch die Ente, aber die war durstig, ein veritabler Schluckspecht sozusagen, wer fährt schon einen Wagen mit zwei Motoren? Diese Eigenheit machte aus ihr zwar fast einen Jeep, aber mal egal welches Fahrzeug jetzt, ohne Treibstoff kann keins seine Vorzüge unter Beweis stellen, und Sprit war kein billiges Vergnügen, nicht wahr. Ist es auch heute nicht, übrigens: ein Liter Benzin kann schon mal den halben Monatslohn eines Landarbeiters kosten, da in Burkina Faso, was damals Haute Volta war. Sollte er …

… sollte er sein maitre-mobil etwa verkaufen? War es das, was das Schicksal ihm sagen wollte? Zu Fuß, ohne weitere Habe als Das Buch unter dem Arm, so richtig ursprünglich und entsagungsvoll Richtung Heimat reisen? Im schlimmsten Falle BETTELN? ANGST. ‚Ich muß, ich muß ich mußmußmuß … wieder so jemanden finden wie meine Wirtin und ihre Tochter!‘ dachte mein Vater voll in existentieller Panik. 

Naja. Mal abgesehen davon, dass sowas nie eintritt, wenn man es sich wünscht, weil man es gerade dringend braucht, war das nun ganz sicher nicht das, was an dieser oder jener Stelle jetzt Paps weitergebracht hätte. Es offenbart eher so ein bißchen den Blick in den egomanischen Teil seines Charakters, finde ich. Zu seiner Verteidigung ist aber genauso anzumerken, bitte schön, dass ihm diese kleinkarierte Peinlichkeit in seinem mindset auch fast so schnell bewußt wurde wie sie aufgetreten war, und so hatte das Ganze nur einen winzigen Moment Zeit, bevor es sich wieder in die emotionale Dunkelheit zurückschleichen mußte.

Nein, die Erinnerung(en) an Wirtin und Tochter knallten schwer in die allgemeine Verunsicherung Dads hinein, erst die guten vom Anfang, als er sie kennenlernte und ihre Tochter heilte, und dann die schlechten, als sich die Ereignisse zu überstürzen begannen und in letzter Konsequenz ihn genau an diese Stelle geführt hatten.

An dieser Stelle passierte etwas mit meinem Dad. Es war jetzt nichts weltbewegendes, aber es war etwas ziemlich dadbewegendes, jedenfalls in der Folge davon, es kam halt nicht so mödergroßartig rüber. Kurz gesagt, er hatte es satt. 

Mein Vater hatte es damals einfach satt, dass er, egal wohin er trat, über kurz oder lang, aber auf jeden Fall immer schlagartig mit hoffnungslos ausweglosen Situationen konfrontiert wurde, die immer auch erstmal irgendwie schockauslösend und derbe furchteinflößend wirkten. Und dann auch noch immer gleich die volle Packung, laufend Alarm – er hatte es satt und war genervt. Genervt von der Vorstellung, dass sich an Zuständen wie etwa -von nackter Angst gepackt- oder -von Panik geschüttelt- sich in Zukunft nichts ändern werden würde, wenn er mal die letzte Zeit als Grundlage für diese Annahme betrachtete. Genervt sein fühlte sich übrigens deutlich entspannter an als all die existentiellen Alarmpaniken, stellte mein Vater fest. 

Genaugenommen war er sozusagen sogar regelrecht „vom Schicksal genervt“, nicht nur einfach genervt, die ganzen Sache hatte also durchaus eine dem Anlass entsprechende Größe; aber halt nicht so nervenzerfetzend, und langsam beruhigten sich seine zitternden Finger.

Genervt murmelte er dem Zollbeamten zu, daß er reineweg nix zu verzollen habe, er ihm aber einen fetten Zauber an die Backe nageln könne, so der Zollbeamte vorhabe, Spirenzchen machen zu wollen oder seinen Worten keine Glauben schenken täte, falls der Zollbeamtenmann verstehe, was er meine. WOrauf der baumlange Zöllnermann sich herunterbückte, seine Rübe auf die Höhe der meines Vaters brachte, die Augen zusammenkniff und so Dad und den Innenraum der Ente mit gespannter Ruhe musterte. Irritierenderweise erinnerte er Blen in seiner ganzen Haltung an den Lieutenant, der ihn gerade aus C.d.I. eskortiert hatte. `Sehen denn alle Flics jetzt gleich aus?‘ dachte Dad verblüfft, ‚der sieht ja aus wie der Bruder vom Lieutenant …‘ 

„Aha.“ stellte der Zöllnermann von Haute Volta fest ud unterbrach damit Paps Gedanken. „Ich bin ein Cousin vom Lieutenant aus C.d.I., ja? Und ich tue meinem Cousin einen Gefallen, weil er mich darum gebeten hat und weil es sich so gehört in einer Familie, auch wenn es mir persönlich nicht gefällt.“ Er stierte mit seinen zusammengekniffenen Augen über die Schulter meines Vaters hinweg zum anderen Autofenster hinaus. „Darum kann ich nicht hören, was du finsterer Schwarzmagier sagst. Und deswegen kann ich dich nicht mal sehen, wenn du verstehst, was ich meine.“ sagte der Zöllnermann, während er meinem Vater nun direkt in die Augen starrte. „Für mich warst, bist und wirst du nie hiergewesen sein, Schwarzmagier. Darum solltest du jetzt einfach verschwinden, bevor die Gendarm’rie kommen und dich nach deinen Papieren fragen. Wenn du verstehst, was ich meine.“ endete der Zöllnermann seine Ansprache, nahm sein Gesicht aus dem Wagenfenster, trat insgesamt einen Schritt zurück und gab dem Auto einen Klaps aufs Dach, so wie man einem Ochsen aufmunternd auf den Hintern klopft, damit er lostrottet.

‚Tja, da haben wir den Salat‘ dachte Dad genervt, ‚ich bin also nicht nur pleite, sondern ganz klar illegal unterwegs.‘ Mit einem genervten Blick quitierte er des Zöllnermanns Rat und seinen Schlag aufs Dach, ließ die Entenmotoren aufblubbern (wenn ihr versteht, was ich meine), um dann in genervter Coolness am fiesen Cousin des Kommunisten-Lieutenant aus C.d.I. vorbei auf die Landstrasse von Haute Volta zu rollen. Na endlich. 

‚… na endlich, wenigstens geht die Regenzeit langsam zu Ende‘, dachte Dad, und hätte jetzt gern als trotzig-genervte Geste gegenüber dem Schicksal mal so richtig das Gaspedal durchgedrückt, um mit wehender Staubfahne im Schlepp die Piste entlangzufegen, die sich in nichts von den bekannten Strassen in C.d.I. unterschied. Was wiederum der Grund war, warum Dad eben nicht wie ein Rennboot losdüsen konnte, sondern wie ein Dampfer bei schwerem Seegang von einem Loch ins nächste schwankte, das kennen wir ja nun zur Genüge, was wiederum ganz schön nervend sein kann in seiner Monotonie. 

Nach dem Ende der Regenzeit werden auch die Strassen wieder in einem besser befahrbaren Zustand sein, sinnierte Dad weiter, während er automatisch eine ausgefahrene Schlammsenke in Größe und Tiefe eines mittleren Swimming-Pools mit Schwung umfuhr und dabei voll auf den vor ihm zockelnden Ochsenkarren knallte. Der Ochsenkarren war in keinster Weise für derartige plötzliche Beschleunigungen ausgelegt, wie sich sofort herausstellte, und brach auf der Stelle kartenhausmäßig in sich zusammen.

Der Ochse muhte hörbar verärgert über den derben Stoss in den Hintern und trottete ein paar Schritte in Sicherheit, während der Ochsenkarrenkutschermann unflätig fluchend unter dem zusammengebrochenen Ochsenkarren hervorkroch. Gänzlich erschüttert und voller Schuldbewußtsein öffnete mein Vater die Autotür, stieg aus, um den angerichteten Schaden zu begutachten, dem Manne zu helfen, den er da so unsanft vom Bock geschubst hatte. Neben dem Wagen versank er mit beiden Beinen sogleich bis kurz unter die Knie im Schlamm, was alle weitere Fortbewegungen fürs erste unterband.

Das Ganze war schon ein bißchen doof, vor allem weil der Ochsenkutschen-Kutschermann wirklich wütend und mit entsprechend bedrohlicher Gestik und Mimik direkt auf meinen feststeckenden Dad zuhielt. Ungefähr einen Meter von meinem Vater entfernt blieb er dann auch stecken, und damit gerade so noch nicht in der richtigen Reichweite. Enttäuscht fuchtelte er dicht vor der Nase meines Dads wild mit seinen Fäusten umher und schaffte es so tatsächlich, genannte Nase immerhin zu streifen.

Allerdings verlor der Ochsenkutschermann dadurch sein Gleichgewicht, und sein Oberkörper knallte ohne Halt mit dem Gesicht zuerst vornüber in den Schlamm. ‚Na, das kann ja heiter werden‘, dachte Dad genervt, als der Ochsenkutschermann ein dumpfes Geheul anstimmte. Das klang vor allem deshalb so dumpf, weil er sich nicht die Mühe machte, mehr als seine Stimmbänder dafür zu bewegen, so ganz grundsätzlich den Mann in seiner Lage mal betrachtet. Alles in allem war mein Vater jetzt doch ein bißchen sprachlos. 

Keine Menschenseele weit und breit, die Sonne stach vom Himmel auf die Ente, auf meinen Vater, den Mann mit dem Gesicht im Schlamm, den geborstenen Ochsenkarren und den Ochsen, der bedächtig irgendetwas widerkäute und teilnahmslos die Szenerie aus sicherer Entfernung betrachtete. 

Also zog sich mein Dad an der Karosserie seiner Wüstenente etwas mühsam, aber erfolgreich aus der Moderpampe, um so die ins Stocken geratenen Dinge voranzutreiben. Der Ochsenkarrenkutschermann stieß immer noch sein dumpfes Geheul aus, und mein Dad, der es erstmal dem Ochsen gleichgetan hatte, also die gesamte Szenerie in Ruhe zu betrachten, lehnte sich daraufhin genervt aus der Ente, klaubte eine Handvoll Matsch zusammen und warf damit nach dem O-K-Mann in der Hoffnung auf konkretere Kommunikation. 

Diese Aktion erwies sich als Volltreffer in jeder Hinsicht. Kaum klatschte das Zeug auf den Kopf des Mannes, riß er diesen hoch, um mit namenlosen, nennen wir es Erstaunen, meinen Dad zu mustern, sich dann so gut soweit wie möglich wieder aufzurichten, und erstmal Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Der Schmodder platschte auf die Windschutzscheibe und nahm Blen die Sicht, und währenddessen fluchte und schimpfte der O-K-Mann wieder wie ein Ochsenkutscher. Aus dem Gefluche schälten sich nach einigem Zuhören zwei Themenkomplexe heraus, schien es Blen, die für den Mann offenbar konsequent zu einem dritten Thema führten.

Erstens, völlig nachvollziehbar, die unverschuldete Zerstörung seines Karrens aus heiteren Himmel, und was er deswegen von Blen und ganz allgemein von Leuten wie meinen Vater hält sowie die Forderung nach Entschädigung, naheliegenderweise die Ente. Thema zwei drehte sich um sein Pech im Leben in letzter Zeit und speziell um einen Freund, der voll den gemeinen Anti-mate gemacht hatte, wenn Blen das richtig mitbekam. Dabei war es auch noch ausgerechnet um Gold und eine Frau gegangen oder ginge es immer noch, das war nicht ganz so klar im Augenblick. 

Und drittens klang es so, dass eins und zwei nur Teil einer wesentlich größeren Menge ähnlich gelagerter Vorfälle seien, die insgesamt klar die Tatsache ans Licht des Tages bringen, dass jemand fetten Schadzauber auf ihn abgelassen haben mußte.  ‚Armes Schwein, dieser Ochsenkutschermann‘, fand Blen und hatte das Gefühl, dem Mann helfen zu können. Jetzt nicht …

… also jetzt nicht bei Thema eins, der Ochsenkarren war im Eimer und die Ente gabs nur über Blens Leiche oder so, aber bei der zweiten Sache müßte er mal die Einzelheiten hören. Und bei dem aus allem resultierenden Ding, also die Sache mit der Verhexung, da wüßte mein Dad auf jeden Fall Abhilfe, aber nur, wenn im Gegenzug Thema eins als Forderung gegenüber dem maitre nageur fallengelassen werde. Und der Ochsenkutscher müßte zuallererst überhaupt mal aufhören, mit Schmutz zu werfen, rief mein Vater genervt dem Ochsenkutscher zu und ging wieder in Deckung hinter der Autotür. 

„Was ist denn jetzt ein maitre nageur??!“ fragte der Ochsenkutschermann verblüfft. „Jemand, der dir aus der Patsche helfen kann bei diesem oder jenem.“ antwortete mein Dad mit selbstbewußter Genervtheit. „Was ist denn das genau für eine Nummer mit deinem Freund da und dem Gold und der Frau und so?“ 

Als Einleitung klatschte wieder eine Ladung Schlamm auf die Windschutzscheibe. „Du Gauner fragst doch nur, weil du mir den Rest stehlen willst! Dabei ist das alles, was ich noch habe! Und bei meinem Pech wird auch das noch zum Teufel gehen! Daran ist nur die Mutter meiner Braut schuld, die alte Hexe!! Der bin ich nicht gut genug, darum hat die mich garantiert mit einem Fluch und sowas belegen lassen, weil die nicht will … wage es nicht, mir zu nahe zu kommen!!“ schrie der Ochsenkutschermann hysterisch, als mein Vater aus der Beifahrertür stieg, wo der Boden fester war, und vorsichtig näher kam. 

„Mensch, hör mal auf mit dem Scheiss, ich will dir doch nur helfen!“ sagte mein Vater genervt, als der Ochsenkutschermann ihn wieder mit Dreck bewarf. Aus einem Gestrüpp brach Dad einen starken, langen Ast. „Halt dich dran fest, ich zieh dich raus aus dem Schlamassel.“ Er streckte den Ast dem Ochsenkutschermann entgegen.

So lernte mein Vater Promesse du Paradies kennen, dessen Name auf deutsch „Verheißung des Paradieses“ bedeutet. Und wenn der Name gerade wie ein kitschiges Omen klingt, war seine Aussage in einem größeren Kontext und von einem späteren Punkt in der Zeitlinie aus betrachtet, durchaus nicht falsch.

Fortsetzung folgt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s