Arschtrittstart

Mein Dad blinzelte, um hier mal den Anschluß an das Vorangegangene zu halten, und zwar recht verwirrt. Das lag natürlich einerseits an dem Schwall Lichtwellen, der zusammen mit dem Lieutenant via Lampe in dessen Hand übermütig sozusagen in Paps Zelle schwappte; andererseits schnallte er einfach nicht, was der Lieutenant da nun wieder meinte mit ‚Los, aufwachen, wir schmeissen Sie raus‘. War das eine Falle? Perfider Trick, um ihn der nichtbegangenen Verbrechen zu überführen mittels mentaler Überwältigung??

Am besten wird der Verwirrungsgrad meines Dads deutlich durch seine verdutzte Bemerkung, ob dieser Vorgang denn überhaupt, sagen wir mal, erlaubt und rechtens sei, man könne ihn doch nicht einfach auf die Strasse werfen, irgendwie klinge das Ganze verdächtig illegal. Immerhin führte dies zu einem ungläubigen Kopfschütteln und -Wackeln sowie Augen-Aufreißen (Erstaunt-Modus) seitens des Lieutenants, aber zu keiner Erklärung. Stumm wies er meinem Dad mit der Lampe den Weg aus der Zelle. Wie gesagt, es war das erste Mal Knast für Blen Fitz, und ob’s das für ihn nun gewesen sei, würde sich erst noch erweisen müssen, fand er. Mißtrauisch schlich er sich an dem Lieutenant vorbei.

Er hatte nach seinem seelischen Durchhänger auf Nullpunkt-Niveau den Weg zur Handlungsfähigkeit wiedergefunden, er war dabei nicht an dem fatalen Übergang gescheitert, der geradewegs in unproduktiv-negativen Nihilismus führt, sondern hatte einen fröhlichen Pfad (nennen wir es mal: der geplanten Reproduktion) entdeckt, war auf Kampf eingestellt und Widerstand gebürstet, jedenfalls war er davon überzeugt … also metaphermäßig umschreibbar mit jeder Menge Anlauf, den er da genommen hatte, um durch die vor ihm liegende, verschlossene Tür zu brechen, und zwar koste-es-was-es-wolle(!), also metaphermäßig gesehen, und dann wird diese Tür direkt vor seiner Nase aufgerissen, und er so geradewegs da durch, haltlos, Jungejunge.

Wie gesagt, in Wirklichkeit stürmte er nirgendwo hindurch, sondern trottete den Gang entlang, die Treppe hinauf, über den Korridor, den Lieutenant hinter sich, der ihn zu einem Waschraum dirigierte. Das dies ein solcher Ort war, erkannte mein Vater am gefliesten Boden und ebensolchen Wänden, jene auf der linken Seite mit einer Reihe Wasserhähnen versehen, drei oder vier, vielleicht aber auch nur zwei, vor denen jeweils ein dreibeiniger Hocker stand, und auf der rechten, nun wiederum zum Hocker gehörig, ein Haken, an dem man seine Sachen aufhängen konnte. Jedenfalls hingen an einem dort eine saubere Hose, Hemd und Unterwäsche, und auf einem der Hocker stand eine Aluminiumschüssel mit Handtuch und einem Stück Seife. „Wie in einem Hotel, was?“ sagte der Lieutenant hinter ihm. Noch bevor mein Dad sich fragend zu ihm umdrehen konnte, knallte der die Tür schon wieder zu, allerdings folgte kein Geräusch eines sich drehenden Schlüssels oder andere, die auf schließende Maßnahmen schließen liessen.

Dann hörte mein Dad durch die Tür den Lieutenant bestätigen, was er zaghaft gehofft hatte, nämlich seine vergammelte Kleidung ausziehen und gründlich waschen solle er sich, dabei keine Hektik machen, um dann die neue, die da am Haken hängt, anzuziehen, und dann im Lieutenant-Büro zu erscheinen. Dann hörte mein Dad nur noch die sich entfernenden Schritte des Lieutenants und dann wars wieder still.

Der Kontrast zwischen dem weißgefließten Waschraum und dem finsteren Zellenloch im Keller war enorm strahlend und hätte überwältigender nicht sein können. Mein Vater nahm sich die Zeit, die Situation einen Moment lang zu realisieren, aber das gelang ihm mal wieder nicht auf Anhieb, sondern erst, als er nackt auf dem Hocker saß.

Er hatte das Gefühl, seit Wochen sich nicht mehr gewaschen zu haben, was aber so nicht stimmen konnte, jedenfalls seinen zeitlichen Berechnungen nach, in die er sich kurz vertiefte, verhedderte und es wieder sein ließ. Aber Tage waren es sicherlich, und die waren randvoll gewesen mit schmutzigen Kram, sozusagen dreckstarr vor Schweiß, Staub und Tränen. Langsam füllte er die Schüssel unterm Hahn, schöpfte mit dem Becher, den er in der Schüssel gefunden hatte, das Wasser daraus und ließ es sich behaglich über den Kopf und den ganze Körper laufen, mal mit geschlossenen, mal mit offnen Augen, das machte er eine ganze Weile, vielleicht drei Schüsseln lang. Er seifte sich gründlich ein, massierte genießerisch seine Kopfhaut, und da war dann der Augenblick, wo er langsam die Möglichkeit in Betracht zog, diese Angelegenheit sei keine ausgeklügelte Falle zum Zwecke der Geständnis-Erwirkung, sondern er käme nicht nur aus dem Kittchen raus, also erst gar nicht wirklich rein.

Die Seife brannte in den Augen, als er die Schüssel ein weiteres Mal füllte, um sich abzuspülen. So gründlich er den Schmutz der letzten Tag abwaschen konnte, die vergangenen Ereignisse wegzuspülen gelang ihm freilich nicht, die Erinnerungen blieben natürlich. Mit leisem Grausen starrte er vom Hocker aus auf den kleinen Haufen Lumpen in der Ecke, was seine alten Klamotten waren, und die braunen Flecken darauf waren unter anderem Blut, fremdes Menschenblut, fürchterlich.

Und nie mehr zu ändern, dachte er, als er die frische Kleidung vom Haken nahm und hineinschlüpfte, dabei unwillkürlich so wohliges Grunzen ausstoßend. Saubere Sachen sind eben eine saubere Sache und immer ein guter Anfang, fand mein Dad. Er zuppelte an Hemd und Jackett rum, richtete alles zu seiner Zufriedenheit und stellte dabei fest, dass es sich um umgearbeitete und auf zivil gemachte Uniformstücke handelte, und darin jetzt ein Zeichen zu sehen, kam ihm gar nicht in den Sinn. Der Kram passte wie angegossen, also machte er sich keinen Kopf, aber dann wurde ihm schwindelig und er konnte sich gerade so noch auf den Hocker fallen lassen. Ihm flimmerte es vor den Augen und der Magen machte die grimmigsten Geräusche, die er jemals gehört hatte …

er war entsetzlich hungrig offenbar,

dass ihm

vor den Augen und in den Knien

schwummrig war. Ja.

Wie lange hatte er da in der Zelle zugebracht, dass er so hungrig sein konnte, fragte er sich, doch wie verabredet öffnete sich die Tür und einer der Sergeanten bedeutete meinem Dad, ihm zu folgen. Mit einer wegfernden Handbewegung klärte der auch sofort die Frage, was mit Vaters alten Sachen passieren sollte, und stellte selbst nur eine einzige, und die bestand aus exakt zwei Worten, nämlich: „La sauter*?“, dann führte er ihn ab. In einem Zimmer fünf Türen weiter wurde mein Dad an einen Tisch vor einen Teller voll dampfender Hühnersuppe gesetzt.

Bevor er zum Löffel griff, wollte er’s dann aber doch wissen, was hier gerade ablief, aber der Sergeant gab ihm zu Verstehen, Dad solle die Suppe löffeln und seine Klappe halten, nicht unfreundlich jetzt, aber durchaus bestimmt, und das alles völlig wortlos, was Paps langsam etwas unheimlich fand, dieses wortlose Agieren hier in dieser Polizeistation.

Die Suppe war gut und kräftig und brachte wieder Körner in die schlaffen Muckis, um das mal so zu formulieren, außerdem gab’s Nachschlag, aber dann war Sense damit, der Sergeant zeigte Paps den leeren Topf. „Extra für mich gekocht?“ fragte er erstaunt und der Sergeant nickte kurz und knapp. Dann fummelte der umständlich an seiner Hemdtasche, frickelte eine Zigarettenschachtel da raus und bot meinem Dad eine von den zerknautschten Zigaretten darin an. Nach kurzem Zögern bediente sich mein Dad dann tatsächlich.

Das machte er, weil es den Geschmack einer zarten Fraternisierung hatte, fand er, eine Art Ritual zwecks Statusbestimmung – also sagen wir mal, er war im schlimmsten Falle immer noch verhaftet, gefangen und beschuldigt, jedoch nicht mehr so eine Art ausgeschlossenener, verhasster Polizisten-Mörder-Paria, die Kugel für so einen zu schade, Schlinge um den Hals … ! Also für so einen wurde er offenbar nicht mehr gehalten, hoffte Dad aus der angebotenen Zigarette richtig herauszulesen.

Der Sergeant lehnte sich zu ihm hinunter, gab Dad Feuer und erstickte dessen Lächeln als Dank für die gute Behandlung mit seiner ausdruckslosen Miene, was Pap seine positive Einschätzung der bestehenden Situation als grobe Fehlkalkulation erscheinen ließ. Die steinerne Visage des Sergeanten machte meinen Dad nervös.

Ausgeruht, frisch gewaschen, im richtigen Maß gesättigt und mit der brennenden Zigarette in der Hand, breitete sich schlagartig eine ebenso putzmuntere Paranoia aus in Blen. Man wiege den Deliquenten nur lange genug in Sicherheit, um dann von einem Moment auf den anderen die Situation brutal zu verändern und durch den Schock ein Geständnis auszulösen … die Zigarette in Dads Hand zitterte leicht in Vorahnung kommenden, unbekannten Schreckens. Der Sergeant lächelte wissend. Nur mit den Augen übrigens, interessante mimische Leistung, aber das macht den Scheiss jetzt auch noch ein bißchen gespenstisch. In Dad wuchs das Gefühl, irgendwas sagen zu müssen, einfach so, nur um das Schweigen des Sergeanten zu brechen, aber stattdessen nahm er …

… Paps nahm einen Zug von der Zigarette, spürte den bitteren, brennenden Geschmack auf der Zunge, blies den Rauch eilig mit weit geöffnetem Mund wieder aus, was mehr per Zufall so einen ganz passablen Rauchring erzeugte, der sachte Richtung Sergeant trieb. Paps folgte dem unerwartet entstandenem Gebilde gleichzeitig erstaunt und belustig mit schräg gelegtem Kopf und wollte gerade den Sergeanten auf seine kuriose Leistung hinweisen, also mit seiner allerersten Zigarette und dem allerersten Zug einen Rauchring produziert zu haben; in seiner Situation sollte man keine Brücke des zwischenmenschlichen Auf-einander-zugehens unbeschritten lassen, fand er, es ging darum, sich Klarheit zu verschaffen, die Position zu finden und sowas. Also rief er fröhlich: „Magie!“, froh darüber, einen Anlass zu haben, dass lastende Schweigen brechen zu können, leider dabei völlig ignorierend, dass er kaum gesprochen, seit er in die Kellerzelle gesperrt worden war, dann scharf gegessen und außerdem gerade Rauch inhalierte hatte. Diese Faktoren machten ein krächzend-zischendes Geräusch aus „Magie“, welches, nun, nicht zwingend fröhlich klang. Sein Blick wanderte erschreckt zum bekannten Sergeanten … nunja, Drama, Baby.

Der starrte zwar immer noch schweigend, dafür jetzt mit, nein keine Einbildung, Dad, nackter Panik im Gesicht auf den Rauchring, der sich da so bedächtig aber scheinbar unaufhaltbar ihm näherte. Auf seiner Stirn hatten sich kleine, glitzernde Schweissperlen gebildet. Eine Hand lag auf dem Griff der Pistole, die er in einem Halfter am Gürtel trug.

Dad war von diesem plötzlichen Situationswechsel so überwältigt, dass er beruhigend seine beiden Hände hob, auch wenn er sich sicher war, dies könne nicht der geplante Situations-Wechsel zwecks Schock-Geständnis sein.  Leider wirkte diese Geste auf den Sergeanten nicht beruhigend sondern beschwörend, und das ist hier in diesem Moment ein gravierender Unterschied.

Der Sergeant zerrte sofort seine Kanone raus und richtete sie über den Tisch, durch den wabbernden Rauchring zielend, auf Dads Kopf. Während er sie entsicherte, knirschte er zwischen den Zähnen „KEINE MAGIE!“ hervor, worauf Dad jetzt erstmal keine Antwort hatte und auch nicht weiter wußte. Sich zu rühren und den Rauchring einfach wegzuwedeln, wagte er nicht angesichts der auf ihn gerichteten und entsicherten Waffe. So konnte er nur hoffen, das vermaledeite Ding würde sich von selbst auflösen, bevor es das Gesicht des Sergeanten erreicht hatte, was für den offenbar die rote Linie darstellte in punkto Schussentscheidung.

In die gespannte Stille hinein hörte man entfernt auf dem Flur das Klappen einer Tür und gleich darauf eilig klackend, näherkommenden Schritte, jedenfalls hörte Dad das, der Sergeant wohl eher nicht in seiner Konzentration auf die magische Bedrohung, also was er als solche empfand, denn hey, es war wirklich nur ein Rauchring. Vielleicht hatte das entfernte Tür-Öffnen einen Luftzug verursacht, vielleicht war’s Dad selber, jedenfalls als er resigniert die Arme wieder fallen ließ, verwehte der Rauchring plötzlich vor der Nase des Sergeanten. Trotzdem verharrte der noch ein paar Sekunden in seiner bedrohlichen Haltung, heftig und stoßweise mit weitgeblähten Nasenlöchern durch selbe atmend, bevor er mit kurzem Schnaufen die Pistole senkte, als sei er aus Todesgefahr entronnen.

Eilig drückte Dad seine Zigarette in seinem Teller aus, da machte sich klackenden Schrittes der Lieutenant im Türrahmen bemerkbar, ein „Naa, hats geschmeckt? Ist auch von meiner Mutter. Ein Süppchen, damit Sie wieder zu Kräften kommen, die hält Sie nämlich für einen guten Menschen … ansonsten alles klar hier? Folgen Sie mir.“ Dad ansatzlos um die Ohren klatschend.

So nebenbei bemerkt ist es sicher klar wie Kloßbrühe, wie jetzt mein Dad anfangs meiner Mom dieses Geschichtchen später als heldenhafte Selbstbefreiung verkaufen wollte, damals, als er sich ihr gegenüber interessant zu machen versuchte mit seinen Abenteuern. Hat meine Mom erst mal so getan, als könnte man ernsthaft glauben, Paps habe eine ganzen PolizeiGARNISION mit seiner magischen Rauchringattacke in die Flucht geschlagen, naja. Später behauptete er ihr dann gegenüber, das wäre ein „Test“ gewesen, um zu prüfen, wie naiv sie sei, aber das nahm Mom gar nicht cool und reagierte ziemlich sauer sauer. Ausserdem fand sie die Wahrheit dann durchaus verrückt genug.

In Wirklichkeit lief es also wie beschrieben und nicht, wie Dad gerne erzählt hätte, erzählte Mom immer Tzega und mir, als wir klein waren, merke: in der Liebe lügt man nicht. Meine Mom hat durchaus ihre Prinzipien. Im Büro des Lieutenants kam dann jedenfalls die große Aufklärung für Dad, und irgendwie war es schon doch eine Falle, eine ziemlich miese – aber auch irgendwie elegant gelöst, kam er nicht umhin, festzustellen.

Gleich nachdem der Lieutenant meinen Dad eingebuchtet hatte, erzählte der Lieutenant, kam ein Telegramm aus Abidjan direkt aus dem Innenministerium. Es kündigte eine Delegation, Abordnung, Kommission, jedenfalls eine Menge wichtiger Leute und Hoher Tiere an, die vor Ort und bei ihm, dem Lieutenant, den Stand der Ermittlungen ect. pp im Fall Yammoussoukro/Guiglo dargestellt bekommen wollten, um eine endgültige Entscheidung in dieser Sache zu fällen.

Das haute den Lieutenant erstmal aus den Socken, denn er hatte keine Ahnung gehabt, dass diese verrückte Geschichte so schnell Kreise bis in die Höchsten Kreise gezogen hatte, sozusagen in Echtzeit und sowas ist jetzt nicht unmöglich, aber total unwahrscheinlich, das grenzte schon an Magie! Ebenso wie der Umstand, dass sich Höchste Kreise für diesen Fall interessierten könnten, und zwar so in einem so hohen Maß, dass sich jemand aus der Hauptstadt nach Yamoussoukro bemühen wollte. Was! zum! Teufel!?? dachte der Lieutenant, also auf französisch natürlich*. Das war jetzt vier Tage her.

„Moment, was … ?“ murmelte mein Dad, das mit der Magie komplett überhörend, „vier Tage, wie lange war ich denn jetzt hinter Schloß und Riegel, Mensch? Mir kam das vor wie höchtens anderthalb?“ Der Lieutenant schüttelte nachsichtig den Kopf.

„Sie, mein Freund“, erklärte er meinem Dad, „haben gerade drei(!)einhalb Tage durchgepennt, wenn Sie’s so genau nehmen auf den halben Tag, nur unterbrochen von je zwei Gängen auf den Eimer, aber da waren Sie nicht ansprechbar. Ich geben zu, dass war ein bißchen beängstigend, einerseits fürchtete ich, Sie kratzen da ab, andererseits …

… andererseits, Sie sind maitre nageur nach eigner Behauptung, weiß der Geier, ob Sie da nicht doch irgendeinen abgedrehten Voodoo-Scheiss durchziehen wollten und heimlich die Flucht planten. Scheintod und/oder so, wenn Sie verstehen, was ich meine, und dann bringen wir Sie sozusagen selbst raus. Ja, vielleicht sowas in die Richtung, daran dachte ich auch, und ich hätte keine Ahnung gehabt, wie ich sowas hätte verhindern können“,

sagte der Lieutenant mit einem verlegenen Schulterzucken, „Sie haben ja gerade erlebt, wie leicht der Sergeant aus der Fassung zu bringen ist. Und dann wiederum genaugenommen, Ihren eignen Schilderung nach über die ganzen Ereignisse und deren Ablauf, mußten Sie einfach völlig erschöpft sein. Und vielleicht hat der Tee meiner Mutter, den, welchen ich Ihnen beim Verhör anbot, erinnern Sie sich(?), Sie, wie soll ich sagen, … bei der Erholung ein wenig … unterstützt, da habe ich nämlich einen Verdacht … . Naja, egal, trotzdem was ich war sehr beruhigt, als ich Sie heute wachbekam.“

Mein Dad starrte den Lieutenant an. Was soll das heißen, das mit dem Tee, fragte er sich und stellte dann fest, die Frage laut formuliert zu haben (passierte ihm ein bißchen zu oft, fand mein Dad), denn der Lieutnant antwortete.“ Sehen Sie, ich hab das meine Mutter auch gefragt, aber sie hat nur gekichert. Und zur Aussage zwingen hätte ich sie erst können, wenn und falls Sie den Löffel abgegeben hätten, was Sie aber nicht getan haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, ob, und schon gar nicht wenn ja, was in den Tee gemischt wurde von ihr. Fakt ist nur, dass meine Mutter gestern die Suppe zu kochen begann, da schliefen Sie noch tief und fest und es war nicht absehbar, wann und ob Sie aufwachen, diese Suppe aber genau zum richtigen Zeitpunkt fertig wurde. Kombinieren Sie selbst.“ Mein Vater war beeindruckt.

„Warum tut Ihre Mutter sowas?“ murmelte er. „Angenommen, sie hat sowas tatsächlich getan, dann können Sie es als Dankbarkeit betrachten, denke ich“ sagte der Lieutenant. „Meine Mutter liebt Sie wirklich und zwar, weil sie meinen Vater liebt, verstehen Sie? Durch Ihre Hilfe hat mein Vater seinen Lebenswillen wiedergefunden, was wiederum die Liebe zwischen meinen Eltern neu entfacht hat. Meine Mutter ist eine rundum glückliche Frau und mein Vater ein rundum glücklicher Mann, und beide wissen, wem sie diesen Zustand verdanken.“ Mein Vater freute sich insgeheim über diese Worte sehr, ok ehrlich, er war so wahnsinnig stolz auf sich, dass er grinsen mußte. „Ich hab nur den Anstoß gegeben“, sagte er bescheiden und verlegen.

„Um glaubwürdig bescheiden und verlegen zu wirken, sollten Sie dabei nicht so dämlich grinsen“, sagte der Lieutenant, „aber ich verstehe, was Sie meinen. Und was meine Mutter nun genau getan hat und warum oder in wessen Auftrag, werden wir wohl nie erfahren. Ihnen, maitre Fitz, hat es auf jeden Fall eine Atempause verschafft.“ Er zündete sich eine Zigarette an, machte ein Gesicht, als horche er in sich hinein, bevor er weitersprach. Dann sprach er weiter.

„Kommen wir zurück, was wirklich Sache ist beziehungsweise, egal, was Sache ist, was jetzt passieren wird. Sie werden als Ausländer, der Sie, Blen Fitz, hier ja nun einmal sind, verbunden mit dem Adjektiv „unerwünscht“ des Landes verwiesen, und zwar schnellsten Weges. Machen Sie nicht so große Augen. Um sicherzustellen, dass Sie auch wirklich Cote d’Ivoire verlassen, ist es meine Aufgabe, Sie dabei zu überwachen. Ich werde Sie also begleiten.“

Zu verdanken habe mein Vater diese interessante Wendung jener Kommission aus Abidjan, die diese Lösung ohne großes Federlesen und ohne auf den Vortrag des Lieutenants zur Sache überhaupt einzugehen, durchzuführen befahl, und den gesamten Fall-Komplex damit abzuschließen, wobei auch die Mini-Meteroiten-Theorie des Lieutenants wohlwollende Aufnahme in den finalen Bericht finden würde.

Und wieder war es an meinem Dad in vollendeter Naivität zu fragen: „Geht das so einfach??“ Der Lieutenant rieb sich mit dem Daumen die Nase. „Keine Ahnung“ gab er dann zu. Die Papiere seien komplett in Ordnung, was aber auch nur bedeutete, dass über sämtliche Dokumente Blens, die er noch habe, jetzt ein fetter, schwarzer Strich gehe, der Lieutenant sie zwecks Entwertung an allen Seiten lochen, sowie einen dicken, roten Stempel étranger indésirable* auf alles draufknallen mußte, was offiziell aussah. Das war in der Summe nicht viel, nur die Papiere, die man in Blens Ente sicherstellen konnte, alles andere ist sicherlich beim Brand des Maquis den Flammen zum Opfer gefallen, plus eben die offizielle Ausweisungs-Anordnung des Innenministeriums.

Vielmehr beunruhigte den Lieutenant der eher informelle Charakter, den das Zusammentreffen mit dieser Delegation, Kommission, also wie auch immer und was da aus Abidjan sich angekündigt hatte, hatte. Hatte er eine große bis größere Gruppe erwartet, lag er zwar mit der Bestimmung „größer“ nicht völlig daneben, aber die Delegation bestand aus genau einer Person. Eine mächtige Figur, schwarz wie Ebenholz in weißer Parade-Uniform, mit blitzenden Augen, Körper wie ein Fass, mit raumfüllenden Gesten, einer grollenden, zufriedenen Stimme tief aus dem Bauch, die ihn, den Lieutenant, auch nicht in der Dienststelle aufsuchte, also hier, sondern dort, bei ihm zu Hause, wo der Lieutenant mit seinen Eltern wohnte.

Dieser seltsame General der Polizei namens Bestor Nurma kam schnell und mit bezwingender Geste zur Sache, nachdem er dem Bericht des Lieutenant gelauscht und wie gesagt, kein Stück darauf einging, auch nicht auf den vom Lieutenant beschriebenen zombiehaften Zustand des gefangenen Verdächtigen. Aber dafür ließ er dabei anklingen, man habe Interesse in den Hohen Kreisen, diese ganze Angelegenheit still und leise zu beerdigen, da niemand wolle, dass weiter im Sumpf des korrupten und nun toten Polizeichefs von Guiglo rumgewühlt werde. Was einfach daran liege, dass es Dinge gibt, die man nicht ohne Grund in den Sumpf geworfen hat und die dort auch bleiben sollten. Verständlich, oder. 

Genauso verständlich wie der ungewöhnliche Auftritt dieses Generals, nicht wahr, der sich faktisch nur aus der Autorität seiner Ausstrahlung legitimierte, aber nicht durch entsprechende Entourage, Aufwand und Auftritt: aber verständlich, wenn es um so sensiblen, politischen Kram ging, vielleicht sogar Staatsräson oder sowas berührte wird, weil ein korrupter Bulle in Guiglo vielleicht auch in Verbindung mit dem DGSE stand, wer weiß das so schon genau, wer will das schon so genau wissen. Sicher kein cleverer Flic, der seine Zukunft und Karriere bei der Polizei sieht, hatte nachdenklich der General Bestor Nurma zur Mutter des Lieutenants gesagt.

Nachdem er seine Befehle erteilt und entsprechende Dokumente dem Lieutenant übergeben hatte, mußte der ihn mit dem Polizeijeep zu einer bestimmten Stelle außerhalb Yamoussoukros fahren, wo ein Helicopter auf den General wartete, was ebenso außergewöhnlich erschien wie klärend betreffs seines Ankommens und der fehlenden Entourage, also alles in allem verständlich, nicht. 

Ebenso verständlich wie die letzte Bemerkung beim Abschied, als der General dem Lieutenant riet, einfach zu tun, was man von ihm verlange, und keine Fragen zu stellen. Dies alles wäre kurz gesagt, einen Nummer zu groß für ihn, den Lieutenant. Später vielleicht nicht mehr, wenn Yamoussoukro Hausptstadt sei, man habe ihm im Blick, aber jetzt und heute … und damit stieg der Mann in den Hubschrauber, der hob ab und verschwand im abendlichen Himmel. Sagenhaft, oder?

Dad zuckte mit keinem Muskel. Völlig entspannt, mit interessierten Gesichtsausdruck betrachtet er freundlich den Lieutenant. In seinem Inneren war die Hölle los. Die Personen-Beschreibung des Polizei-Generals entsprach der des maitre eins zu eins. Hatte er hier seine Hand im Spiel, einen Coup gelandet zur Befreiung meines Vaters? Aber Helicopter? Das klang nach James Bond, nicht nach maitre nageur und was …

„ … was ist das eigentlich für ein komischer Name?“ fragte er verdutzt. Der Lieutenant nickte. „Ich hab den Namen des Generals telegrafisch gecheckt. Niemand kann oder niemand will die Existenz eines Polizei-Generals namens Bestor Nurma bestätigen in Abidjan“, was mein Vater nun wiederum nachvollziehbar fand.

„Aber auch das ist irgendwie nachvollziehbar, also paßt in den Gesamt-Auftritt, nicht wahr,“ sagte der Lieutenant, “wäre mir der Name des Generals nicht während der Telegrammiererei plötzlich suspekt geworden. Ich verschrieb mich, schrieb aus Versehen Nestor Burma statt Bestor Nurma auf eins der Formulare. Nestor Burma aber kenne ich. Nestor Burma ist der Name einer Detektiv-Figur des Schrifstellers Leo Malet aus Frankreich. Die Krimis hab ich als Junge gelesen. Tja.“

“Und was nun?“ fragte mein Dad den immer noch sichtlich irritierten Lieutenant. Der faßte sich „Tja. Ich habe einen Befehl, schriftlich, auf den ich mich jederzeit berufen kann, was zwar ins Nichts führt und keinen kümmert, aber Befehl ist Befehl. Ein sehr detalierter Befehl, der die Ausweisungs-Route genau vorschreibt, wo wir uns wann auf dem Weg zu melden haben und sowas. Wir werden vier Tage unterwegs sein. Je eher ich den Befehl ausführe, umso eher bin ich die ganze Angelegenheit los. Also los. Allons*.“  Es waren nicht vier Tage, sie waren zehn unterwegs, es war kleine Regenzeit, die Strassen soffen ab, wunder, dass sie nicht noch länger gebraucht haben.

Nachdem der Lieutenant „Allons“ gesagt hatte, war er aufgesprungen, hatte eine große Kartentasche vom Tisch gegriffen und meinen Vater bei der Hand und ihn einfach hinter sich hergezogen, bis sie draußen auf der Straße standen, und zwar vor Dads Wüstenente. Die war vollgetankt und startbereit und es ging tatsächlich los. Es war so unspektakulär, dass ich meinen Dad verstehen kann, wenn er lieber eine Geschichte über magische Rauchringe, die Polizisten in die Flucht schlagen, daraus machen wollte. …

Auf dieser Reise entwickelte Paps seine Fahr-Skills weiter, und das war ihm lebenlang von Nutzen, aber das merkte er erst später. Der Lieutenant wachte auf dem Beifahrersitz und hatte die Pistole griffbereit zwischen den Beinen, worüber mein Dad nur den Kopf schütteln konnte, Strassen-Verhältnisse und so, nix Autobahn, ist ja klar, was ich meine. Und selbst hier in Deutschland im Auto auf der Autobahn würde ich mir keine geladene Knarre zwischen die Oberschenkel klemmen. Den Lieutenant hatten die Ereignisse offenbar etwas in den Grundfesten erschüttert und die Pistolen-Angelegenheit war einfach ein Zeichen dieser Verunsicherung, glaubte Dad darin zu erkennen.

Übernachtet wurde in Polizei-Stationen entlang ihrer Route, dabei schlief mein Dad in den entsprechenden Zellen und der Lieutenant nicht, aber das war ja klar. Regenwald, Savanne, Strassen in Auflösung, Dörfer im Regen mit und ohne Regenwald, es passierte jede Menge, Autopannen meine ich. Was jetzt aber nicht zu eventuell tiefschürfenden Gesprächen oder sowas zwischen meinem Vater und dem Lieutenant führte, falls das jemand erwartet hätte, so die gemeinsame Strapaze, die zusammenschweißt.

Nein, dieser sonst so redselige Mensch war auf der gesamten Reise mehr oder weniger verstummt, sprach kein Wort, nicht mal, wenn er die Richtung wies, nur Halt, Weiter, Zurück, das wars. Und so fuhr mein Dad staunend, aber eben schweigend an schier endlosen Kakao-Plantagen vorbei, nicht im geringsten ahnend, dass ein halbes Jahrhundert später diese Plantagen wie Kleingärten erscheinen würden gegen das, was eine tatsächliche Monokultur-Landwirtschaft darstellt. Aber das war alles noch Zukunft, Riesenplantagen, Kindersklaven, Schokolade im Supermarkt in Europa, die billiger ist denn das einheimische Brot, als mein Vater da an den Kakao-Pflanzungen vorbeituckerte, den Lieutenant neben sich, der manchmal die Karten aus seiner Kartentasche studierte und sich dabei jedes Mal gefährlich mit seiner Pistole verhedderte.

Einmal platzte meinem Dad dann doch der Kragen, weil ihm das schon wieder nach abgekarteten Spiel roch, dieses konzentrierte Rumschweigen, dieses bedrohliche Gemurkse mit der Waffe, dieses dämliche, schikanöse Rumgegurke ausgerechnet zur Regenzeit.

Um ihn doch noch zum Sprechen zu bringen, darum ginge es, um maitre Gwunho, worum denn sonst, und Abidjan verdammt, brach es mit einem Mal aus ihm raus, aber er wisse nicht was da passiert sei, und dann fluchte mein Dad so lange und unflätig, dass er zum Schluß neue Schimpfwörter erfinden mußte. Jedenfalls da antwortete der Lieutenant tatsächlich, den Blick abwesend in die tiefhängenden, grauen Wolken gerichtet, aber nur das eine Mal.

Er wisse nicht, wer maitre Gwunho sei und wolle es auch gar nicht mehr wissen, denn maitre Fitz ganze Angelegenheit sei ein Un-Fall, ja?, im Sinne von Nicht Vorhanden, Niemals Passiert, Keine-Ahnung-Wovon-Die-Rede-Ist, alles groß geschrieben, verstanden? Er, der Lieutenant werde einfach vergessen, das und was passiert ist. Darum aber gäbe es nun auch nichts mehr zu reden, denn worüber reden, wenn er doch sowieso alles wieder vergessen werden würde müssen sollen … .

Es sollte sicher emotionslos wirken, vielleicht war es auch der Blick in den Regenhimmel, aber mein Vater fand, der Lieutenant klang verdrossen, mit einer Note Traurigkeit. „Aha, darum hat also der Sergeant geschwiegen“ sagte er, um das Gespräch aufrechtzuerhalten. Da grinste der Lieutenant kurz.

Nein, der Sergeant habe im Gegensatz zu ihm tatsächlich eine neue Methode ausprobiert, um Kriminelle weichzukochen, darum hätte der kein Wort gesprochen, und der Reim hier ist jetzt wirklich Zufall. Die Idee dabei sei, dass der Verdächtige das Verhör quasi still mit sich selbst führt, um dann unter dem so aufgebauten Druck schneller zusammenzubrechen und zu gestehen. Er, der Lieutenant, hätte diesen Versuch an maitre Fitz seitens des Sergeanten gutgeheißen, denn solcher Initiative stände er auf gar keinem Fall im Wege, war doch die vom Sergeanten vorgeschlagene Alternative, das Geständnis aus maitre Fitz, dem alten Polizistenschlitzer und Schwarzmagier, auf bewährte Weise herauszuprügeln.

Das war die gesamte Konversation in zehn Tagen gemeinsamer Fahrt. Am Ende ihrer Reise standen sie an der Grenze zu Burkina Faso, Savanne, so weit das Auge reichte, glaube ich. Der Lieutenant stieg in einen begleitenden Polizeijeep um, ohne zurückzublicken und brauste davon. Der Grenzposten hob den Schlagbaum und winkte meinem Dad freundlich, durchzufahren, was Dad mehr oder weniger reflexartig tat und damit den Boden von Cote d‘ Ivoire endgültig verließ. Er sollte niemals wieder zurückkehren.

Fortsetzung folgt

*Kohldampf

*(PU-TAIN!)

*unerwünschter Ausländer

* Los gehts!

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s