Knast

Naja.

So kam es, dass mein Dad in den Knast kam jedenfalls. Nachdem der Lieutenant geräuschlos und unaufgeregt verschwunden war, erschienen zwei andere Sergeants mit grimmiger Miene, die meinen Dad wie gehabt schweigend über den langen, hohen Flur mit seinem hallenden Steinfußboden und von dort in den Keller und hier in eine Zelle expedierten, um dann hinter ihm die schwere Kerkertür zuzuwerfen, allerdings ohne jenes teuflisch-höhnische Gelächter, was solche Schergen doch eigentlich immer ausstoßen, wenn sie ihr unschuldiges Opfer ohne Mitleid ins Loch schmeißen.

Jedenfalls hatte mein Dad sowas in der Richtung irgendwie erwartet, aber es war ja auch sein erstes Mal im Kittchen. Stattdessen hörte er nur, wie der Riegel von außen vorgeschoben wurde mit einem dumpf-schleifenden Geräusch alten, rauhen Metalls auf noch älterem, wirklich groben Metall sowie einem abschließenden, knalligen KLACK und darauf die sich entfernenden Schritte der beiden Polizei-Sergeants.

Dann war Stille und er war allein. Jetzt hörte er nur noch seinen Herzschlag und das Blut in den Ohren rauschen. Er sah sich um und sah fast nichts. Licht kam nur durch ein kleines, halbrundes und natürlich vergittertes Fensterloch direkt oben unter der Decke, die drei Meter hoch war, so das alles nur in dunkel-dämmeriges Zwielicht getaucht war.

Alles war unglaublich durcheinander geraten. Und das Zwielicht verstärkte nur das Gefühl von Chaos, Chaos hinter ihm und Chaos vor ihm wie Wellenberge; das eine Jahr in Y. hatte er im Tal dazwischen verbracht. Dann war er in allerdings atemberaubender Geschwindigkeit auf die Spitze des zweiten getragen worden, wo er jetzt heftig mit Armen und Beinen gegen den Sog ruderte und nach Halt suchte – aber Wasser hat keine Balken, wusste man schon am Ende des Mittelalters, und wer hat schon jemals Halt im Wasser gefunden außer dem Turmspringer … da gehts aber jetzt wieder um was völlig anderes.

In Wirklichkeit und als Resultat dieser Entwicklung, also machtloses Rumzappeln auf dem Pik einer mächtigen Chaos-Welle, hockte Paps regungslos und verlassen auf der wackeligen Holzpritsche in einem Kellerloch, das muffig roch, die Tür war zu und die winzige Fensteröffnung vergittert. So sah es aus. Für die Krone des Ganzen konnte man die Geschichte vom Lieutenant mit dem von ihm vermuteten Mini-Meteoriten halten, der aus dem unendlichen Universum kommend just genau die Hütte der Maquis-Wirtin getroffen haben soll und das ausgerechnet zum für meinen Dad ungünstigsten Zeitpunkt … wie wahrscheinlich erscheint einem sowas? Das ist eine wichtige Frage, an der kann man zerbrechen, wenn da jemand nicht den richtigen Kontext für sich findet.

Dad brauchte dringend eine Unterbrechung, Urlaub von seinem Leben, fand er, erzählte Mom erst Tzega und später mir. Das Leben gewährt Urlaub nun leider ebensowenig wie man aus seiner Haut kann, und das sei die Lehre daraus, sagte Mom dann immer, wenn es galt, irgendwelchen Scheiß durchzustehen. Aber es gibt da noch einen anderen Aspekt an der Sache mit Dads Einknasterei …

Was Mom nicht weiß und Tzega nicht glaubt, also früher hat sie es nicht geglaubt, heute ist das natürlich anders, jedenfalls – Dad und ich treffen uns dort gelegentlich. Haben uns getroffen, genauer gesagt, geht jetzt nicht mehr … andere Geschichte, egal. Diese Zelle in dieser Zeit ist auf alle Fälle ein starker emotionaler Fixpunkt im Leben meines Dads und emotionale Fixpunkte sind – Portale, richtig. Dieses Portal wurde unser erster echter Treffpunkt zum Reden und diskutieren und das hat ihn damals gerettet. Klingt verwirrend? Wäre das denn jetzt was Neues hier? Ist eigentlich auch nicht wirklich verwirrend, nur halt tricky zu beschreiben*.

Also nochmal lieber so zur Sicherheit: Emotionen wirken zeitlich nicht linear, sondern vor, zurück, beeinflussen Vergangenheit und Zukunft; sie können anstecken, übertragen und auch abgewehrt werden; sie kommen und gehen, was jeder mehr oder weniger auch beeinflussen kann, also welche kommen und gehen und jeder weiß, wie oft sowas nicht klappt … jede Menge wunderlichen Kram gibt es bezüglich Emotionen, oder kurz gesagt: sie sind nach naturwissenschaftlich klaren Gesetzen der Chemie erzeugte Irrationalität, gespeist von jedem empfindenen Wesen. Und sie bilden sowas wie eine Art Meer. …

Ein gigantischer, in sich unendlicher Pool mit klaren Grenzen voller Potential, wo alles gleichzeitig passiert und deshalb immer alles möglich ist – da bin ich sozusagen der Bademeister, zusammen mit vielen anderen, guckt man durch die Zeit. Wenn ich hier meinen Dad getroffen habe, sah die Poolanlage übrigens immer aus wie die in Abidjan vom Hotel Ivoire, irgendwie auch klar, oder. An diese Zeit dort dachte mein Vater, aber nicht nur an diese, als er da in seiner Zelle festhängt und feststellen muss …

… mancher Scheiss passiert manchmal tatsächlich, so ist das, wenn immer alles möglich ist, stellte mein Dad nun betrübt fest, war ja nicht nur die Sache mit dem Mini-Meteoriten jetzt. In der Summe konfrontierte ihn das Geschehen nun mit der finsteren Seite dieser Aussage, die laut maitre Gwunho ja so absolut grundlegend sein soll – also jetzt jenem Teil davon, wo es darum geht, wenn alles immer möglich ist, man ja eigentlich auch keinerlei Gestaltungskraft besitzt. Auf solche Gedanken kommt man durchaus, wenn man unschuldig im Knast sitzt, sozusagen die plakative Demonstration der These Gwunhos. Blen Fitz hatte einen gewaltigen Tiefpunkt erreicht, und stand jetzt an einem Scheideweg … aber den konnte er noch nicht sehen, dafür war es einfach zu dunkel an diesem Tiefpunkt, da strahlte echt keine Sonne mehr hin, fand mein Dad und das hat er Mom gegenüber immer verschwiegen, das weiß nur ich.

Erstmal stand er also da, dann lief er auf und ab, hin und her, jeweils zwei-einhalb Schritte in jede Richtung, stellte er fest, aber das half ihm kein bißchen, nicht doch am Leben grundsätzlich zu verzweifeln. Es war ihm dabei keinesfalls salopp zu mute, was ich so ein bißchen erwartet hätte, irgendwas schwarzhumoriges. Nein, als nächstes stellte mein Vater fest, dass ihm gar nicht mehr zu mute war und sein Erschrecken darüber eine rethorische Floskel, weil er kein anderes Wort hatte, um seine Reaktion auf diesen Nicht-Zustand zu kennzeichnen. Er entschied sich dann für „wahrgenommen“ und der Tiefpunkt entpuppte sich als Nullpunkt.

Träge kroch sein Leben an ihm vorbei, was er nicht ändern konnte, dann nicht mehr wollte, dann wars ihm egal, weil man das innere Auge sowieso nicht zumachen kann, sagte er sich, erzählte er mir. Die Handlung seines Kopffilms tröpfelte stumm und farblos vor sich hin und alle Ereignisse darin schienen nunmehr nur noch Vorboten der momentanen Situation zu sein. Dann war der Film zu Ende und mein Dad fand, er habe schon jede Menge erlebt, eventuell wäre das ja jetzt auch alles und Schluss. Aber was wäre wohl erst noch alles zu erleben gewesen, wenn er sich getraut hätte, quer durch Afrika nach Haus zu fahren?

Schlimmer, ätzender, unkalkulierbarer, irrationaler Mist, der ihm gehörig auf den Wecker gefallen wäre, da war sich mein Dad sicher. Und darin als vereinzelte Tupfer gewaltige, atemberaubende und einmalige Erlebnisse. Sachen, die einem in Erinnerung blieben, den Horizont weiten würden und sowas alles, ihr wißt, was ich meine. Und da ward es ein wenig heller um meinen Dad herum, was der sich aber nicht erklären konnte.

Deshalb wahrscheinlich sprang der Film zurück zu einem Punkt auf dem Zeitstrahl, an welchen Paps selbst als kleiner Junge zwischen den Beinen meiner beiden Großväter auf dem Boden hockte und aufgeregt kichernd deren Erzählen lauschte, davon ist Dad überzeugt. Interessanterweise sah er diesen Moment mehr aus der Perspektive meiner Großväter als aus seiner eignen, also damals, er sah sich sozusagen selbst. Es wäre cool, fand er dann, wenn jemanden so zwischen seinen Beinen sitzen würde, während er wilde Geschichten von sich gab, die manchmal sogar ein Sandkorn Wahrheit enthielten, wie bei meinen Großvätern und ihm. Nein, nicht cool. Friedlich. Freundlich. Beruhigend. Etwas, das ihm zuvor noch niemals in den Kopf gekommen war.

Vater ärgerte sich, dass er nie den maitre nach solchen wichtigen Aspekten des maitres-sein gefragt hatte. Er wusste nicht, ob maitre Gwunho irgendwann mal in seinem verrückten Leben Frau und Kind hatte, denn darüber hatte Gwunho nie gesprochen. Ging das überhaupt, wenn man ein maitre nageur war? Er erinnerte sich an die Visionen, als er krank gewesen war, da in seinem Kabuff unter dem Dach des Hotels Ivoire in Abidjan, und die große Wasserassel ihn gepflegt und wahrscheinlich das Leben gerettet hatte.

Seine Eltern waren als Schatten erschienen und wieder verschwunden, er hatte sie gesehen, mehr nicht. Die, die ich als meine Großeltern väterlicherseits bezeichne, waren ja in Wirklichkeit seine Adoptiv-Eltern, die auf Grund ihrer ganz eignen Situation und Barmherzigkeit ein Findelkind als das ihre aufgenommen hatten. Aber musste das immer so laufen wie bei meinem Dad? Hatte ihm das der maitre auf der Fahrt zurück nach Y. erklären wollen?

Da war ja das Schicksal der Wirtin, das wohl mit großer Wahrscheinlichkeit ein ganz anderes gewesen wäre, hätte er sich damals nach der Heilung ihrer Tochter gleich wieder auf den Weg gemacht. In diesem Punkt verstand er seinen alten Meister und dessen Empörung, ja, das hatte er, also mein Dad, gründlich versaut. Deswegen war er ja nun auch dort, wo er war. Wenn er nur rechtzeitig weggegangen wäre … aber war er nicht. Und nun war er hier an einem Punkt gelandet, an dem er alles verloren hatte und alles verschwunden war, was sein Leben bis dahin ausgemachte. Wie gesagt, wir befinden uns am Nullpunkt.

Was hatte er nur getrieben im letzten Jahr?

Da hatte er die ganzen Zeit Angst vor den Abidjan-Gangstern und gleichzeitig war ihm nichts besseres eingefallen, als in Y. maitre Gwunhos Geschichten zu erzählen, um Blen Fitz dahinter zu verstecken, nur mal so als ein Beispiel. Oh Mann, oder? Was hatte er sich dabei gedacht? Er war sich schlau vorgekommen, dabei hatte er ein ganzes Jahr sich nicht rühren können aus Angst, die bösen Leute aus Abidjan könnten ihn finden einerseits, und andererseits wegen seiner Furcht vor dem Unbekannten auf dem langen Weg nach Osten einmal quer über den Kontinent. Langsam dämmerte meinem Vater, das ging jetzt vorbei, darum wurde es auch heller um ihn. Was würde passieren, wenn er sich den Herausforderungen des Weges stellen würde? Was würde ihn erst am Ende dieses Weges erwarten?

Vielleicht gar nichts. Vielleicht stände dort ein durch seine Erfahrungen verbitterter, zynischer und hartherziger Mann, der misstrauisch nur noch das Böse und die Habgier der Menschen erkennen könnte, so, wie er es gerade erlebt hatte in den letzten Tagen. Vielleicht sogar einfach nur ein toter Mann … aber vielleicht auch ein ganz anderer, lebendiger.

Dafür stand nun dank dem großen Universum voller Sterne die Figur des maitre Gwunho, der sicher ein seltsamer, aber bestimmt kein zynisch-böser Charakter war, fiel meinem Dad ein, und dann fragte er sich einen Moment lang, wo der gute maitre wohl abgeblieben sei. Dann ging ihm kurz durch den Kopf, und das war jetzt schon mit einem Hauch von Wut behaftet, dass der ihn vielleicht mit voller Absicht in diese Situation gebracht hatte, er hätte schließlich Blen nicht einfach vor dem niedergebrannten Maquis der Wirtin schlafend zurücklassen müssen. Offenbar war das seiner rabiaten Art geschuldet, meinem Vater mal ganz drastisch und endgültig verständlich zu machen, was Stillstand für ihn bedeutete. Vulgo: ein Tritt in den Hintern.

Man kann nur sehen, was man am Ende des Weges findet, wenn man den Weg geht und mein Dad war nun also auf die Idee gekommen, dort so jemanden wie mich und meine Schwester finden zu können als Zeichen dafür, das er den beschwerlichen, aber richtigen Weg gewählt hatte. Das war die neue Perspektive und er war bereit, weil neugierig darauf. Wenn er jetzt wegehen könnte, er würde es tun, und zwar ohne zu zögern. Sich einmal quer durch den Kontinent schlagen, um dann zu sehen, was aus ihm geworden ist, wenn er auf der anderen Seite angekommen wäre. Aufregende Sache, dumm, wenn so Erleuchtung im Kittchen kommt.

Bremste meinen Vater natürlich erstmal wieder ein bißchen, erneut zu realisieren, wo er jetzt war und so wurde es auch wieder etwas dunkler in seiner Kellerzelle. Was nützte schon seine Entschlossenheit, wenn der Lieutenant ihn für schuldig erklären würde, einfach weil es einen Schuldigen braucht, um diesen Fall abzuschließen? Er würde wahrscheinlich fliehen müssen, so sah es aus, aber wie?

So versank mein Dad in dumpfes Brüten darüber, wie ein Weg in die Freiheit zu finden sei, und ob er nicht vielleicht den Lieutenant doch von seiner Unschuld überzeugen könnte, dann dachte er darüber nach, ob er die Sergeanten mit schwarzer Magie schrecken oder mit weißer locken könnte, generationenalten Geisterglaube würde auch der modern denkende Lieutenant nicht einfach aus seinen Leuten herausgequatscht haben. Eventuell könnte er die Sergeanten so verwirren, dass ihm die Flucht aus dem Gebäude gelänge …

… keine schlechte Idee. In gewisser Weise sogar ein amüsanter Gedanke, und also schmunzelte mein Dad und dann stellte er sich vor, wie er diese Geschichte über magische Blufferei mir und meiner Schwester erzählen würde; wie er aus dem Knast entkommen konnte allein auf Grund seiner Entschlossen- und seiner Gewitzheit, und dann erzählte er es mir direkt, und natürlich sah das von außen so aus, als rede er mit sich selbst. Ein wenig plemplem halt, aber es tat ihm gut, stellte er fest.

Weil keiner kam, um ihn zu holen, redete er darum einfach weiter, mal mit meiner Schwester, mal mit mir, und kam dabei auch auf andere Themen. Zum Beispiel versuchte er sein Verhalten gegenüber der Wirtin zu erklären, und ich kann seine Sicht der Dinge verstehen – aber Dad wußte im Gegensatz zu mir, dass er ein Initierter war, also hätte nicht doch(?)… aber er hat den Leuten dort ja auch geholfen, sich nicht bereichert, seine Wirtin wirklich liebgehabt – aber er hat ihr nicht alles über sich erzählt, nicht wahr, hat sich für jemand anderen ausgegeben mehr oder weniger, hatte er da nicht Vertrauen verletzt und so weiter? Wir sprachen über alles, was Dad in den letzten Jahren erlebt hatte, was es für ihn und andere bedeutete, wir reflektierten, um mal genau zu sein. Sowas jedenfalls schuf unsere spezielle Ausgangssituation in dieser Zelle.

Unsere Gespräche retteten ihn vor dem passiven, nihilistischen Fatalismus, der in alles-immer-möglich wärmetod-gleich drinsteckt, also darüber, dass man immer ein Ziel braucht, um die dunkle Seite dieser Parole in Schach zu halten, das hier der Weg zum Ziel auch mal als improvisiertes Ziel dienen kann und so weiter und so fort. Manchmal schlief er dabei mitten im Wort ein, das konnte ein bißchen nerven, weil man dann immer warten mußte, bis er wieder aufwachte. Zeit spielt halt nur eine untergeordnete Rolle in der emotionalen Dimension.

Als Dad dann einfach in der Zelle derbe wachgemacht wurde, hatte er so ein bisschen abgefahrenes Deja-vu, weil es wieder der Lieutenant war, der da kräftig an Blens Schulter rüttelte.

„Aufwachen. Los. Wir schmeißen Sie raus.“ sagte der zu meinem völlig perplexen Vater.

Fortsetzung folgt

*ich halte diese elende, komplexe und schlecht zu beschreibende Superkraft-Sache übrigens für ein mächtiges Indiz betreffs Wahr- und Richtigkeit dieser meiner eignen und auch der Turmspringer-Geschichten; wozu sollte ich mir so einen komplizierten Mist ausdenken? Serum, radioaktive Spinne und zack, fertig, alles klar … im Comic oder Kino. Die Realität ist viel fantastischer.

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