Geisterfahrt und Folgen

… NAAAaa??! 

Tu peux arrêter de nous fixer, mon cher … .

Bon. Denn nicht ich bin hier das zu beglotzende enfant terrible!

Sondern du.

Bumm. Krasse Ansage, ganz maitremäßig. Meinem Dad klappte der Unterkiefer runter. Da blieb er auch eine Weile, da sich Dads Hirn nicht entscheiden konnte, welche der vielen Fragen, die maitre Gwunhos unerwartetes Erscheinen aufwarfen, es zuerst artikulieren wollte. Diese Verwirrung betraf natürlich auch das Lautbildungsareal, so dass Blen eine zeitlang nichts anderes als sowas wie „waaahha_haaah-wahh…“ und „wiiiiiieeee_ääähh…“ oder „woooo-ahh_waahh…“ usw. herausbrachte. Der maitre bedachte ihn mit seinem typisch-kritischen Blick, sah dann angestrengt nach vorn und sprach gegen die Scheibe. Wir müssen weiter, wenn sie dich nicht kriegen sollen, sagte er zur Scheibe, aber natürlich eigentlich zu meinem Vater. Mach das Licht aus und die Karre wieder an, das wirst du ja auch mit offnem Mund bewältigen können. Natürlich auch die Scheinwerfer, oder glaubst du, du kannst bei Mondlicht diese Piste bewältigen? Also loslos, junger maitre. Du hast noch einen weiten Weg vor dir. 

Die Stimme maitre Gwunhos besaß immerhin ausreichend Autorität, um die Kakophonie der verschiedenen, bis hin zu den jeweiligen motorischen Endplatten sich gegenseitig blockierenden Signale in Blens nervalen Apparat zu überlagern, und eine mächtige Flut an Neurotransmittern setzte verständliche Prioritäten, die sogleich von den Muskeln ausgeführt wurden. Und so drehten sich erneut die Zündschlüssel, davon knatterten die Motoren laut und die Wüsten-Ente setzte sich langsam und schwerfällig wieder in Bewegung. Während mein Vater ein tiefes Loch in der ausgefahrenen Strecke vorsichtig umkurvte, redete maitre G. weiter. Dad könne auch die Klappe langsam wieder zumachen, ansonsten bestehe die akute Gefahr von Fliegen im Mund, und bei den fürchterlichen Strassenverhältnissen hier im Busch und der zu erwartenden Schaukelei ebenfalls und desweiteren die von ungewollten Kiefer-aufeinander-Schlagens, wo sich schon Leute die Zunge abgebissen haben und der so unüberhörbare Spott des maitres machte Paps jetzt doch erstmal wütend, auch so eine klare Ansage an das Nervensystem. 

Er, also mein Dad, klappte den Mund zu und schluckte runter, was ihm da reingeflogen war, aber vielleicht war es auch der Kloß in der Kehle, der sich bekanntermaßen ebenfalls in solchen Situationen zu materialisieren pflegt. Auf jeden Fall schmeckte es so bitter wie die folgenden Gedanken waren: hatte er nicht gerade erst eine wirklich schlimme Zeit gehabt? Und statt ihm auf die Schulter zu klopfen, weil er davongekommen war, oder wegen des Guten und ja, auch ein bißchen Aufopferungsvolle, was er in Yamoussoukro getan hatte oder weningstens ein wenig Aufklärung zur Situation, verdammt, nein, stattdessen gab es galligen Spott von diesem Divoire Gwunho, seines Zeichens maitre nageur, dick, stark, steinalt, Retter, Lehrer, in gewisser Weise Vaterfigur und jetzt mal wie aus dem Nichts aufgetaucht. 

„Wo …? Wie … WO VERDAMMT SEID IHR DENN JETZT ZUGESTIEGEN, MAITRE??“ In diesem Aufschrei machte sich die große Menge des negativen Potentials bemerkbar, welches sich über die letzten Tage in meinem Vater angestaut haben mußte durch all den Scheiss, den er da erlebt hatte. Und es war ja auch nicht so, dass er seit seinem Entkommen aus Guiglo irgendwo unterwegs sowas wie einen respawn-point durchschritten hätte, und er jetzt frisch und ausgeruht seine weitere Flucht planen und ausführen konnte. Mein Dad war schon völlig durch, als er anderhalb Tage zuvor in Guiglo angekommen war. Und jetzt, mehr als 24 Stunden später … Panik setzt Kräfte frei, mit Hilfe derer du Beschränkungen überwinden kannst. Tolle Sache, findest du nicht auch? Geht natürlich an die Substanz. Hm, murmelte der maitre neben ihm, …und jetzt hatte er auch noch seine alten maitre am Hals, der statt produktiv zur Situation beizutragen, garstige Sprüche klopfte und der Ente einen Rechtsdrall verpaßte, den Blen ständig korrigieren mußte, was an maitre Gwunhos enormen Gewicht lag, welches wiederum wahrscheinlich den Sprit-Verbrauch unkalkulierbar erhöhen würde. Wahnsinn.

Mein Vater warf erneut einen ungläubigen Blick auf ihn und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen „Also??“ hervor. Was glaubst du, warum du angehalten hast, maitre? fragte Gwunho. Ich hab da auf dich gewartet natürlich. Und strahlte mit dem freundlichsten Gesichtsaudruck, den Blen von ihm kannte, meinen Vater an, und so, als wäre ihm eine ganz besondere Überraschung gelungen. Ihr seid also nicht tot, maitre Gwunho? konnte mein Vater einen weiteren Moment später endlich formulieren, den Blick nun mit grenzenloser Verwunderung sowie ansatzweise freudigen Erstaunens auf den alten Gwunho gerichtet, und hatte damit erstmal alle neurologischen Blockaden überwunden. 

Der maitre spähte wieder nach vorn durch die Frontscheibe. Beim großen Universum, nun guck wieder auf die Strasse, maitre Fitz, fährst uns alle beide noch tot, zischelte er plötzlich. Mein Vater darauf verwundert so „Was? Hä?“, und dann schaffte er es gerade noch und haarscharf einen umgestürzten Baum zu umkurven, der mitten auf der Straße lag und den er erst im letzten Moment entdeckte, weil er ja tatsächlich nicht auf die Straße, sondern auf den maitre gestarrt hatte. Die Ente schlingerte heftig, weil Enten das durch abrupte Lenkmanöver tun, die Scheinwerferlichter wischten über die grüne Urwaldbarriere rechts und links des Pfades hin und her, aber insgesamt hatte er solche Aktionen wirklich immer besser im Griff, fand mein Vater.

Da sind wir ja haarscharf der Katastrophe entgangen, mein lieber maitre, fand maitre Gwunho, nachdem er den Schock über den Beinahe-Zusammenprall überwunden zu haben schien. Aber also wegen so ’nem Ast auf der Strasse brauchst du doch nicht so ein lebensgefährliches Gekurve … meine schöne Ente! blubberte er weiter vor sich hin, da habe ich dir dieses Fahrzeug nun mit dem besten Vertrauen anvertraut und übergeben und du … – das war doch kein Ast, das war doch wohl ein Baumstamm! schrie mein Vater empört zurück. Verunsichert linste er noch mal in den Rückspiegel. Aber hinter ihnen lag nur finstere Nacht, da war absolut gar nichts mehr zu sehen. Vor ihnen übrigens auch nicht. 

… und du gondelst damit ein bißchen in der Gegend rum, nur von einer Stadt in die nächste genaugenommen, fuhr maitre Gwunho ungerührt von Blens Geschrei fort. Und dann hattest du nichts eiliger zu tun, als den Wagen unter einer Plane hinter einem Haus abzustellen und dort stehen zu lassen, als gäbe es ihn gar nicht und die damit verbundenen Möglichkeiten! Und dort würde er immer noch stehen, wenn nicht für dich völlig unvorhergesehene Dinge eingetreten wären, die dir gar keine andere Wahl ließen, als dich wieder auf den Weg zu machen! Du! sollest dich nicht fragen, warum ich, sondern warum du … (drei Ausrufezeichen plus Zeigefinger-Gestochere in der Luft) … hier bist. Hier! Auf diesem Weg in die falsche Richtung! Mitten in der Nacht schleichst du dich – wohin? Zurück nach Yamoussoukro? Was willst du dort? Noch mehr Schaden anrichten?

Schaden?? Was denn für Schaden jetzt? fragte mein Dad matt aber nichtsdestotrotz echt irritiert. Maitre Gwunho stierte in die Dunkelheit vor ihnen. Na, sage mir einfach, was aus deiner Wirtin und ihrer Tochter geworden ist. Und komm mir jetzt bloß nicht mit ’sie sind taffe Frauen, die es auf irgendeine unglaublich unwahrscheinliche Art und Weise nach Yamoussoukro zurück geschafft haben‘, denn das haben sie nicht. Natürlich war es die Müdigkeit, die Blen aufbegehren ließ, vielleicht dachte er auch, er könne so auf billige Weise einen Stich gegen seinen ehemaligen Meister machen, jedenfalls sagte er: aber Ihr seid doch auch hier, maitre, und wie unwahrscheinlich ist das denn bitteschön … .

Da holte der maitre tief Luft und setzte zu einer lautstarken Tirade an. Du hast es dir bequem gemacht! Hast dich eingerichtet! Hast dich festgesetzt! Hast gedacht, qui, bon, mache ich’s mir mal einfach, läuft doch gut hier, also da in Yamoussoukro?! Aber, mein lieber maitre, so läuft es nicht und es lief nicht gut, wie du siehst! Deine Wirtin und ihre Tochter wurden verschleppt, weil du zu feige warst, weiterzufahren! Du hättest nicht bleiben dürfen. Nur wegen dir und deinem Ruf ist der böse Mensch in Guiglo auf euch aufmerksam geworden. Ohne deine weitere Anwesenheit in Yamoussoukro hätte er ihnen auch das Rezept des Zaubertrankes weggenommen, aber es hätte keinen Grund gegeben, deine persönliche Kraft dahinter zu vermuten, kein Geheimnis, welches mit dir in Verbindung steht! Er hätte die Wirtin vielleicht ein bißchen gequält, aber sie und ihre Tochter hätten es überlebt und danach immer noch die Kneipe besessen – und ihre Leben eben. Dein Trank wäre einfach nur ein Trank gewesen, der wirkt, weil er wirkt. So aber schien ihm, dem Böseling, die Wirkung des Trankes von dem Geheimnis abhängig, das deine Person in Y. umgibt, und dieses Geheimnis wollte er besitzen um seiner Macht willen. Kapiert!? 

Wahhh … antwortete darauf mein Vater ziemlich verständnislos, aber nicht ganz halt. Es war zum Kotzen, was Divoire Gwunho da von sich gab, doch ganz hinten in Blens erschöpften Gehirn blitzte sowas wie grundsätzliches Verstehen für die Worte des maitre auf. Ich bin schuld, wenn die Wirtin und ihre Tochter tot sind? stammelte er, und dann mußte er schluchzen über die tief empfundene Ungerechtigkeit der ganzen Sache und überhaupt. Wenigstens schwieg der maitre dazu und bohrte nicht noch mit fiesen Sprüchen in der schrecklichen Wunde herum. Und immer weiter rollte und schaukelte die Ente die Buschpiste entlang nach … ja wohin? Yamoussoukro? Was würde ihn in Yamoussoukro erwarten? Ein heftiger Hieb vor die Stirn riss Paps aus seinen Gedanken, erst dachte er, maitre Gwunho hätte ihm eine verpaßt. Aber dann erkannte er, dass er mit dem Kopf gegen das Lenkrad geknallt war. Du bist eingeschlafen, Blen, hörte er den maitre besorgt von der Seite sagen. Bist kaum mehr in der Lage, noch lange zu fahren. Weißt du was? Ich werde fahren. Mußt dich ein bißchen ausruhen. 

In Anbetracht seiner gesamten Verfassung, und nachdem er einige Augenblicke zwecks Verarbeitung der Information brauchte, war das ein guter Vorschlag, fand mein Vater und sich schneller als gedacht auf dem Beifahrer-Sitz wieder. Dort angekommen drückten unsichtbare Gewichte bleischwer seine Augenlider nieder. Trotzdem raffte Dad sich auf. Die Anschuldigungen seines Meisters waren mindestens genauso schwer wie das imaginäre Blei an seinen Augenlidern, und sie schafften eine Art Gegengewicht dazu. Der physiologische Kompromiß seines Organismus lief deshalb darauf hinaus, halb liegend im Sitz mit fast geschlossenen Augen den maitre beim Fahren zu beobachten und mit schwerer Zunge und leiser Stimme zu reden. Woher wißt Ihr das alles, maitre? Habt Ihr mich beobachtet? Warum habt Ihr mich beobachtet? Was soll der Quatsch, echt jetzt. Warum seid Ihr überhaupt verschwunden? Wohin überhaupt seid Ihr verschwunden? Und vor allem anderen, was ist damals passiert in der Seitengasse vom Hotel d‘ Ivoire in Abidjan, dem Hotel mit der größten Pool-Anlage in ganz Afrika??

Die winzige Lampe in der Geschwindigkeits-Anzeige auf dem Amaturenbrett hinter dem Lenkrad war ein kleiner, gelber Lichtfleck im Dunkel des Fahrzeuginneren und reflektierte nur ganz diffus in maitre Gwunhos Gesicht. In diesem Schein betrachtet, sah es nicht im geringsten mehr rund, freundlich und harmlos aus, sondern hart, zerfurcht und knorrig wie die Rinde eines alten, alten Baobabs. Und sorgenvoll. Sehr sorgenvoll sogar. 

Du weißt also immer noch nicht, was in Abidjan geschah? Ja … kann ich mir jetzt gut vorstellen. Du bist noch nicht erfahren genug, um zu begreifen, was da vor sich ging. Du mußt erfahren werden, um die Dinge zu erkennen, wie sie sind. Darum darfst du nicht an einem Ort stille stehen, sonst erfährst du nix. Also fahr weiter(!), sage ich dir. Der maitre warf einen kurzen Blick auf meinen Dad und ergänzte: nicht jetzt natürlich, später. Weißt du, so läufst du nicht Gefahr, mit dem Arsch alles wieder einzureißen, was du vorne rum aufgebaut hast, bon? Wenn du dich etwas erholt hast, fahre weiter, klar? Klar, dachte Dad, aber das war eher so ein echohafter Widerhall in seinem Schädel als eine echte Entscheidung. Eins noch, dachte er, eines war da noch:

Aber wenn Ihr schon hier seid, warum … warum habt Ihr dann nicht eingegriffen? Die Wirtin und ihre Tochter gerettet? Der alte maitre räusperte sich ausgiebig. Hast du mir nicht zugehört? Weil das ganz allein deine Sache war. Tu fais des conneries et je(?) … niemand kann dir helfen, ausser du dir selbst. Du bist verantwortlich für deine Handlungen UND was aus ihnen entspringt, so sieht’s aus, denn so ist das, wenn man maitre ist. Ausserdem bin ich kein merde Superheld. Und du auch nicht. Diese letzte Bemerkung verstand mein Dad nun mal gar nicht, aber nach ihrem Sinn fragen konnte er auch nicht, denn er war eingeschlafen.

Kaum war er eingeschlafen, wurde kräftig an seiner Schulter gerüttelt, was die Nebenniere veranlasste, ein wenig Adrenalin in seinen geschundenen Kreislauf zu tröpfeln. Wenn überhaupt, so war Blen nur kurz ohnmächtig geworden, fand er. Er fühlte sich krank und erschöpft. Der Hals tat ihm weh, als hätte er wieder die Influenza. Die Muskeln schmerzten, als wären sie mit Sandpapier geschmirgelt und die Augen brannten, als hätte er danach den Sand von diesem Papier da reingestreut. Trotzdem versuchte Paps vorsichtig, die Lider zu öffnen. Das gelang nicht auf Anhieb und eine schreckliche Sekunde lang verfiel er in Panik, weil er glaubte, sie nie wieder aufzubekommen und er nun den Rest seines Lebens in Finsternis verbringen werde. Das war natürlich Blödsinn. Die Panik erlosch wieder, und er schluckte schwerfällig, was ihn gleich darauf ein bißchen wehleidig ächzen ließ, immerhin wehleidig ächzen ging noch. Sein Hals war total ausgetrocknet, irgendwie mußte auch da dieser Sandpapier-Mist reingekommen sein. Allerdings fand sich ein kleiner Faden Sabber im rechten Mundwinkel und mit diesem Rest Flüssigkeit befeuchtete er erstmal den Schlafgrind in den Augen, der seine Lider zusammengeschweißt hatte. Durch langsames, behutsames Reiben mit einem Finger gelang es ihm, das rechte Auge einen schmalen Spalt zu öffnen. 

Helligkeit knallte voll auf die Pupille, die sich verzweifelt zu weiten versuchte, um dem unerwarteten Photonen-Overflow Herr zu werden. Das brauchte seine Zeit, in der Blen heftig zwinkerte und stöhnte. Die visuelle Information, die er dadurch erhielt, sagte ihm, dass er mit dem Kopf und einem Stück des Oberkörpers auf dem Fahrersitz lag, während der ganze Rest von ihm sich auf dem Beifahrersitz befand, den Getriebetunnel als Übergang nutzend. Direkt vor seiner Nase sah er den unteren Rand des Lenkrads und dort, gerade noch im Sichtfeld seines rechten Auges, segelte mit majestätischer Ruhe ein ziemlich großer, schwarzer Rußpartikel vorbei, als wolle er ihn auf etwas bestimmtes hinweisen. Das war verwirrend, trotzdem hätte Blen gerne noch einige Zeit in diesem Zustand der Halbbewußtlosigkeit verweilt. Ein weiteres unwirsches Rütteln an seiner Schulter erzeugte dann aber den wohl beabsichtigten Alarm-Start seines Bewußtseins, welches sich als erstes mit einer Schmähung des unsensiblen Rüttlers …

Putain bordel de merde! (verdammter Scheiss), l‘ enfoirE! (Arschloch) , espèce d’âne (blöder Esel), le cloche (Armleuchter), l‘ enflure (Dummkopf), le conard (Vollidiot), salaud (Drecksack) ect.pp.

… warmfuhr. Das ist jetzt mal nur eine kleine Auswahl der „Assoziationen“, die meinem Vater ziemlich gleichzeitig durch den Kopf schossen, aber davon drang nichts nach außen, dafür waren Mund und Kehle einfach zu trocken. Das war vielleicht auch nicht das Schlechteste jetzt gerade, wie er gleich bemerken sollte, doch zuvor bemerkte er erstmal eine Menge erregter Leute, die mit unfreundlichen Mienen in einem gewissen Abstand um die Wüstenente herum einen fast geschlossenen Kreis bildeten – das jedenfalls sah er, als er mit steifem Hals den Kopf hob, sich mit einer Hand am Lenkrad langsam hochzog und darüber hinweg nach draussen guckte.

Dort, also genaugenommen überall, war hellichter Tag, an den sich seine Augen nur mit brennendem Protest gewöhnen wollten, aber was blieb ihnen schon übrig, also den Augen. Dabei war doch gerade erst Nacht gewesen, dachte Dad. Die Leute, die um das Auto standen, sprachen leise miteinander, während immer mal wieder einer mit ausgestrecktem Finger auf meinen Vater darin zeigte. Einige riefen auch Worte, die nicht nett klangend, aber es brauchte noch einen Moment, bis sein Hirn deren Sinn identifzierte. Zuerst stellte es überrascht fest, dass Blen all diese Leute mehr oder weniger kannte. Sie alle gehörten nach Yamoussoukrou in die Strasse am Stadtrand, wo sich das Maquis der Wirtin befand. Umgebung und Häuser hinter der Menschenmenge sahen aus, wie er es von der Umgebung und den Häusern aus der Strasse am Stadtrand von Yamoussoukro erwartet hätte. Wie ging das denn? Hatte Blen den kompletten Rückweg verpennt? Müßte er sich dann nicht besser, ausgeruhter fühlen? Oder war der maitre mit der Ente geflogen, also eine Flugente, kurz, hatte das Auto Funktionen, in die Blen nicht eingeweiht worden war?

Zwei Dinge fehlten, stellte er nach Beendigung eines umfassenden Rundblicks fest. Fakt war, er war wohl tatsächlich in seiner Strasse am Stadtrand von Yamoussoukrou. Das hatte er nach der Standtpauke des maitres eigentlich nicht erwartet, aber so war es, offenbar hatte er sie hierher chauffiert. Fakt war jedoch auch, dass erstens der maitre fehlte und zweitens das Maquis der Wirtin. Letzters allerdings ist jetzt eine kleine Unkorrektheit um der Formulierung willen, also das Maquis fehlte jetzt nicht so wie maitre Gwunho. Während vom maitre gerade keine Spur zu sehen war, war das Maquis in gewisser Weise schon noch vorhanden, nur eben als ein ungefähr rechteckiger Haufen Asche und verkohlten Schrotts in den Blen gut bekannten Ausmaßen des Hauses der Wirtin.

Genau davor war die Ente geparkt und der maitre hatte sich wohl direkt nach der Ankunft anschließend halsüberkopf verdünnisiert, die Fahrertür stand noch offen. Jetzt, wo Blen mit nun tränenden Augen sich einen ersten Überblick verschafft hatte, glaubte er die maitre-Verdünnisierung zu verstehen und warum es auch in den Moment passte, dass seine Aufzählung von Kraftausdrücken eine, hahaha, Trockenübung seines hochfahrenden Bewußtseins geblieben war.

Der unsensible Schulterrüttler entpuppte sich nämlich als ein Polizist, dieses Mal einer aus Yamoussoukro natürlich. Als mein Vater dies erkannte, war sein Hirn auch soweit, akustische Informationen wieder sinnvoll zu verarbeiten, und es verstand einige der zischend halblaut gerufenen Worte in seine Richtung, die aus der Menge kamen. Das waren einmal „Hexer“ und „böser Teufelshelfer“ sowie „Dämon“ und dann noch ähnliches. Schlimmeres.

Das verstand er nicht, also warum die Leute so was zischten, aber dafür jetzt den Polizisten, der offenbar nicht zum ersten Mal sagte „Misjöh, wachwerden, merde. Sie sind verhaftet wegen verschiedener Verdächtigungen. Wachwerden, merde.“ Es klang etwas Wiederholungs-genervt sozusagen, und vom Schutthaufen, der bis zu Blens Abfahrt nach Guiglo ein Maquis gewesen war, wirbelte ein Windzug träge neue Rußflocken auf, von denen einige auch zwischen den Beinen des Polizisten hindurch und der offenen Tür in das Auto trieben. Dann registrierte der Polyp, dass mein Dad mittlerweile seinen Bewußtseins-Zustand geändert und sich auf dem Fahrersitz aufgerichtet hatte, darum hörte er auf, an Blens Schulter weiter rumzurütteln und sagte eher gelangweilt: „Hände vorstrecken“, was Paps tat und dann klickten die Handschellen.

Tatsächlich. Das passierte. Das ging ja dann doch irgendwie schnell, dachte mein Dad, jetzt haben sie mich also drangekriegt, jetzt kommt alles raus. Verdammt. Nach all dem Polizei-Chaos in Guiglo hatte mein Vater offenbar tief innen drinnen mehr so in die Richtung gehofft, die Exekutive von Elfenbeinküste wäre insgesamt nicht so reaktionsfähig, und wenn er nur ein wenig aufpassen würde, käme er schon irgendwie davon oder so, oder nicht? Nun ja.

Immerhin schaffte er es endlich, verbindliche Laute auszusprechen und das Ergebnis war: „Was ist hier denn passiert??“ zum Polizisten hin zu krächzen. „Das wissen wir nicht“, antwortete der Polizist, „aber das werden wir herausfinden. Mit Ihrer …“, forschender Blick, „ … Hilfe.“ Er betrachtete meinen Vater von oben herab, denn der saß ja immer noch auf dem Fahrersitz der Wüstenente, jetzt halt mit den Beinen zur offnen Tür raus und die Hände in Fesseln. „Sie sind ja völlig dehydriert, Mann“, stellte der Polizist fest. Dann rief er laut über Blen, das Dach der Ente und den Köpfen der Menschenmenge hinweg „Ey Sergeant! Meine Wasserflasche!“. Zwei Sekunden später kam das Gewünschte geflogen („Achtung Lieutenant!“) und der Polizist pflückte die Flasche geschickt aus der Luft, was ihm ein kurzes, anerkennendes Gemurmel der Menge einbrachte, öffnete sie und reichte sie Blen mit der Anweisung „Trinken. Aber langsam.“

Was mein Vater auch tat, mit zitternden Händen und gierig schluckend, und zwar bis auf letzten Tropfen, fast einen ganzen Liter. In der Wasserflasche war zu seinem Glück und Staunen kein Wasser, sondern ein frischer Kräutertee, dessen Zusammensetzung er genau kannte, denn der war nach einem Rezepte gebraut, das er bei maitre Gwunho gelernt, in sein Das Buch geschrieben und hier in der Strasse weitergegeben hatte an Leute, deren Problem ein schwacher Kreislauf war. Der Trank wirkte gleichzeitig belebend und entspannend und Blen spürte so eine Art Leichtigkeit, als verlöre er den Boden unter den Füßen, es konnte aber auch leichte Hysterie sein.

Kurz hintereinander dachte er erst OHH, mein Das Buch! Es ist verloren, es ist mit verbrannt, das mußte ja so kommen, es war ja nur der wichtigste Gegenstand, den ich besaß jedenfalls. Fast im gleichen Moment fiel ihm aber wieder ein, dass er Das Buch vor seiner Fahrt nach Guiglo zusammen mit dem Buschtaxifahrer-Mann ins Auto gepackt hatte, um so für alle Fälle gegenüber dem bösen Polizeimann mit seinem ganzen Wissen gewappnet zu sein und/oder eventuell damit Eindruck zu schinden … ein schneller Blick auf die Rückbank bestätigte diese Erinnerung. Ja, da lag es unversehrt, es war nicht verbrannt. Verdammter Zufall, was für ein Glück im Unglück, endlich mal was Gutes im Schlechten. Seine Erleichterung darüber verflog angesichts des immer noch abgebrannten Maquis, und wurde zu Nichts-war-gut, ich-bin-verhaftet-und-sie-werden-mir-alles-anhängen und „Was ist denn hier passiert?“

Der Polizei-Lieutenant aber ließ sich auf keine Erklärungen ein, sondern wiederholte stoisch, Blen sei verhaftet, das Fahrzeug beschlagnahmt und beide würden auf das Polizei-Revier von Yamoussoukro überführt, und jetzt aber ab durch die Mitte mal bitte. Also rappelte sich mein Dad mühsam auf, der Flaschenwerfer-Sergeant nahm seinen Platz hinterm Steuer der Ente ein, der Lieutenant führte Paps zum Polizei-Jeep, wobei seine Beine nicht so recht wollten, also die von Paps, und der Lieutenant ihn mehr oder weniger hinter sich herzerrte. Dies brachte dem Lieutenant erneut zustimmend-anerkennende Rufe aus der Menge ein. Die er teilte wie bei Moses das rote Meer, nur in viel kleinerem Maßstab natürlich, also die Teilung. Und es waren wieder böse Worte zu hören, die meinem Vater galten, was wirklich verwirrend war, wenn man sich mal erinnerte, was er für die Leute dieser Strasse eigentlich getan hatte. Ein, zwei Figuren stellten sich ihm und dem Lieutenant sogar in den Weg. Es machte durchaus den Anschein, als wollten sie, unbegreiflich für Blen, handgreiflich werden. Doch der Lieutenant schob die nur unwirsch zur Seite.

Als Blen an ihnen vorbeitaumelte und hinter dem Rücken des Lieutenant, holte jemand trotzdem zum Schlag aus, aber der blickte mein Vater erstaunt in die Augen, denn er erkannte jene als die vorgebliche Kranke, deren „Notfall“ Blen daran gehindert hatte, zusammen mit der Wirtin nach Guiglo zu fahren. Ihre Blicke trafen sich und Dad flüsterte erschüttert „Du? …ausgerechnet …??“, da sprang die jedoch auch schon wieder „Schwarzmagier, Schwarzmagier, aaah!“ jaulend zurück, ängstlich zitternd, als sei Blen sowas wie die Inkarnation des Bösen. Der Lieutenant drehte sich nicht einmal danach um, sondern zog Paps an den Handschellen weiter. Nachdem er ihn dann auf dem offnen Jeep verstaut hatte, gab der Lieutenant dem Sergeant in der Ente ein Zeichen mit der Hand.

Der fuhr los und der Polizeijeep mit Blen und dem Lieutenant machte die Eskorte dazu oder andersherum, das ist jetzt mal egal. Mein Dad konnte von seinem Platz seitlich zur Fahrtrichtung die Strasse bis zu ihrem Ende bzw. vielmehr Anfang am Stadtrand entlangblicken, und das verbrannte Maquis wirkte wie ein fauler Zahn darin. Die Leute der Strasse bildeten nun eine Front quer über ihre gesamte Breite und blickten ihrerseits ihm nach, wie um sicherzustellen, dass er auch wirklich verschwand. Kurz bevor der Polizeijeep Richtung Polizeirevier um die Ecke bog, kam dann noch ein Stein geflogen, der Blen schmerzhaft am Kopf traf. Ihm wurde davon schwarz vor Augen, und als er wieder was sehen konnte, waren sie woanders und hatten die Strasse am Stadtrand hinter sich gelassen. Die Polizisten, auch der Lieutenant, blickten stur nach vorn und taten, als hätten sie nichts bemerkt, bis sie vor einem schmucklosen Gebäude aus der Kolonialzeit -halte- machten. Das war das Revier.

Hier bekam Blen ein Pflaster auf die Platzwunde am Kopf, und diese oberflächliche Versorgung führte zu einer kleinen Narbe, die man bis an sein Lebensende mit den Fingerspitzen ertasten konnte. Er selbst wurde in einen Raum mit vergittertem Fenster geführt, in dem noch ein Tisch stand, davor ein niedriger und unbequemer Stuhl, hinter dem Tisch ein bequemer, großer und jede Menge dicke Luft, die ein Ventilator an der Decke mit schlappen Drehungen umwälzte. Blen mußte sich auf den Stuhl vor dem Tisch setzen, dann kam der Lieutenant, nahm Platz auf dem bequemen Stuhl und musterte meinen Vater intensiv.

Ungewaschen, in immer noch den gleichen Klamotten, in denen er nach Guiglo gefahren war und irgendwie wieder zurück nach Yamoussoukro gekommen, Klamotten, die ganz klar die Spuren aller Dinge trugen, die in der Zwischenzeit vorgefallen waren, also mit Blut darauf und jetzt auch noch eignes im Gesicht, ein Pflaster auf der Stirn – er fand, sich selbst mit Polizistenaugen betrachtend, er sah also genauso aus, wie man sich wahrscheinlich einen wilden Verbrecher gemeinhin vorstellt, selbst wenn man nicht Polizist ist.

Die einzige Hoffnung, auf die mein Vater da noch setzte, war der Umstand, dass der Tee in der Trinkflasche des Lieutenant nach seinem Rezept war, es also in irgendeiner Weise eine Verbindung gab zu seiner Tätigkeit hier in Yamoussoukro und der Lieutenant immerhin seiner maitre-nageur-Kunst als solche nicht zu mißtrauen schien … allerdings macht diese Art von Hoffnung auch deutlich, für wie beschissen Dad die Situation hielt, in der er sich befand. „Sie stehen unter Verdacht, in Guiglo in der Region Moyen-Cavally an der Ermordung des Polizeichef dieses Orts sowie in Tateinheit am Mord an einem Buschtaxifahrermann aus Yamoussoukro beteiligt gewesen zu sein oder die Verbrechen selbst ausgeführt zu haben. Außerdem stehen Sie unter dem Verdacht der Brandstiftung an einem Maquis, das in der vorvergangenen Nacht bis auf die Grundmauern runterbrannte. Und Sie stehen im Verdacht, am spurlosen Verschwinden der Wirtin und deren Tochter ebenjenes Maquis beteiligt zu sein“. Der Lieutenant runzelte die Stirn, kramte raschelnd einige Papiere aus seiner Hosentaschen, überblickte sie schnell. „Hm. Nein. Das wars.“

Ja, das wars wohl, dachte Dad und staunte, wie apathisch er bei diesem Gedanken blieb. Er hatte das Gefühl hatte, ins bodenlose zu stürzen. Natürlich war dies ein zu erwartender Verhör-Auftakt gewesen, aber so geradewegs dahergesprochen in amtlichen Tone haute es Paps doch erstmal um, gut, dass er saß. Vor einer Woche noch angesehener Mitbürger, jetzt des Mordes und anderer schlimmer Sachen verdächtigt, das war ein tiefer Fall, gesellschaftlich gesehen. Er hatte hart gearbeitet und das war offenbar der Lohn dafür. Nicht zu fassen.

Also klappte er den Mund auf und zu, denn er wußte beim besten Willen nicht, was er sagen sollte. Egal was es war, es würde ihn nur noch tiefer reinreiten, da war sich Blen sicher, fand er. Das einzige, was ihm einfiel, war „Aber der Tee war gut. Vielen Dank dafür“ zu krächzen. Danach herrschte eine Weile Schweigen, in der Blen nur den Deckenventilator brummen hörte. Er hatte keine Ahnung, wie es nun weitergehen sollte. Schläge, bis er gestand?

Der Lieutenant steckte sich eine Zigarette an, setzte sich in seinem bequemen Stuhl etwas bequemer hin, streckte seufzend die Beine aus und starrte aus dem vergitterten Fenster. Ja, der Tee, den koche seine Mutter jetzt schon seit geraumer Zeit für ihn, jeden Tag so eine Flasche voll. Darauf schwieg er wieder eine Weile grübelnd. Das Rezept habe sein Vater mitgebracht, als der sich von diesem sogenannten maitre nageur hatte behandeln lassen, von dessen Wunderkräften da schon halb Yamoussoukro sprach, sagte der Lieutenant nach der halben Zigarette, mehr in den Raum hinein als direkt zu meinem Vater.

Das Gebräu sei wirklich gut, auch wenn die Zutaten nicht billig sind, aber das sei einem die Gesundheit wert, richtig? merkte der Lieutenant nach einer weiteren Pause an. Seinem Vater gehe es viel besser, seit er sich vom maitre behandeln ließ, und seine Mutter kichere in letzter Zeit wie ein kleines Mädchen, was beim Lieutenant den Verdacht weckte, dass maitre Fitz mehr als nur Verspannungen und die langsam aber sicher tödlich werdende Herzschlappheit beim Vater repariert habe. Als guter Sohn und moderner Mensch hätte er dafür eigentlich seinem Vater regelmäßig Herzpillen aus dem Krankenhaus besorgt, und dieser habe sie dann regelmäßig in der Latrine entsorgt, voller Mißtrauen über das weisse Teufelszeug, was er seinem Sohn gegenüber natürlich immer abstritt.

„Aber einem dahergelaufenen Wunderheiler vertraut er vorbehaltlos“ sagte der Lieutenant, und es klang ein wenig verstimmt und jetzt erinnerte sich Blen auch an den Mann, der so darüber geklagt hatte, dass sein Sohn nur an den Fortschritt glaube, dafür aber alle Tradition ausrotten wolle, die er Aberglauben nenne, und vergißt nicht so einer, der sich von den Traditionen abwendet, seine Geschichte? Wer keine Geschichte hat, ist wie ein Baum ohne Wurzeln, nicht wahr, und was passiert so einem Baum, so was gibt’s doch gar nicht, hatte der alte Mann gewehleidet, und es war nicht zwingend falsch, was er da gesagt hatte, fand mein Vater, während der Lieutenant weiterredete. „Dabei ist das doch alles total unwissenschaftlich, wenn Sie verstehen, was ich meine …“.

„Ich helfe nur, von Wissenschaft hab ich keine …“, wandte Blen schüchtern ein, doch der Lieutenant hob die Hand, und gebot ihm zu schweigen. Er, der Lieutenant, war also wegen seiner Eltern also schon vor einiger Zeit auf dieses exotische Element in der Strasse am Stadtrand von Yamoussoukro aufmerksam, und sagen wir es ruhig, neugierig geworden. Er habe also klein wenig recherchiert und observiert, und war zu dem Schluss gekommen, dass dieser maitre Fitz ein krasser Aufschneider sei, denn in Vietnam in Asien wäre der ja nie gewesen, was er, der Lieutenant belegen könne anhand von Dokumenten. Er wisse, dass Blen Fitz aus Ostafrika aus der Gegend um Dekemhare in Eritrea stamme, dann und dann 1958 in Abidjan seewegs eingereist mit dem und dem Schiff, dass seine Papiere zwar nachträglich ausgefertigt, aber jeder Überprüfung standhalten würden betreffs Visum und Arbeitserlaubnis, auch wenn von hier, also von jetzt und Yamoussoukro aus, nicht ganz klar sei, was er die ganze Zeit in Abidjan getrieben habe.

Aber wen kümmerts, wo er doch nicht als kriminell dort erfasst worden ist, setzte der Lieutenant hinzu. Gut zu wissen, dachte mein Vater, trotz der Gänsehaut, die er bei der Erwähnung von Abidjan bekommen hatte. Er erwartete jetzt irgendwas Schlimmes, eine finstere Enthüllung zum Beispiel über maitre Gwunho oder sowas, und registrierte erstaunt, wie der Lieutenant auf dem imaginären Zeitstrahl einfach weiterging und schon in Yamoussoukro angekommen war.

Vor rund einem Jahr tauchte dann dieser Blen Fitz von einem Tag zum anderen hier in der Strasse am Stadtrand usw. auf, richtete sich innerhalb kurzer Zeit in dem bekannten Maquis häuslich ein und begann seine Tätitgkeit. Harmlos alles in allem und soweit zur Recherche, sprach der Lieutenant und zündete sich eine neue Zigarette an, weil er die andere schon weggeraucht hatte.

Mein Dad hingegen fröstelte ein wenig bei dem Gedanken, jemand hätte ihn im letzten Jahr sozusagen fachmännisch ausgecheckt, ohne das er auch nur das geringste davon bemerkt hatte. Er betrachtete den Lieutenant, der lässig dasitzend mit der Zigarette zwischen den Lippen, gar nicht unsympathisch rüberkam, sie mußten ungefähr gleich alt sein. Ein offenes Gesicht mit freundlichen Zügen, der totale Gegensatz zu der verschlagenen Visage des Polizei-Bösewichtes aus Guiglo, fand mein Vater, aber da redete der Lieutenant weiter.

Die Observation ergab, dass Blen alles mögliche, aber kein, wie vom Lieutenant erst angenommen, Hochstapler war. Seine Rezepte, Behandlungen und Reparatur-Arbeiten halfen wirklich, so dass der Lieutenant schloss, Blen habe in Abidjan eine Art der Heilerei-Technik erlernt von jemanden, von dem er auch seine als-ich-weit-weit-weg-in-Asien-war-Geschichten hatte. Das war zwar alles insgesamt ein bißchen seltsam, erklärte aber die Leerstelle betreffs seiner Zeit dort auf befriedigende Weise und vor allem, nichts davon war illegal, jedenfalls heutzutage.

Illegal war nur, dass Blen irgendwie vergessen hatte, seine Anwesenheit in Yamoussoukro den örtlichen Behörden zu melden – aber da er kein Einkommen erwirtschaftete, von dem man hätte Steuern nehmen können, sah man darüber hinweg. Das ging umso einfacher, alldieweil der Polizeichef von Yamoussoukro und direkter Vorgesetzter des Lieutenant ebenfalls vom maitre von seinen Zipperleins erlöst worden wäre, alle Bedenken seines Untergebenen einfach vom Tisch gewischt hatte und Ende der Observation.

Aber was haben wir nun, stellte der Lieutenant die Frage mal wieder eher in den Raum als an Blen. Vor zwei Tagen erhielten wir telegrafisch die Nachricht vom Tod des Buschtaxifahrer-Mannes in Guiglo zum Zwecke der Mitteilung an die Angehörigen hier in Yamoussoukro in der bekannten Strasse am Stadtrand. Ich selbst, sagte er, habe diese Angehörigen informiert und die erste Reaktion der Ehefrau des Getöteten war der Ausruf „Er hat sich gerächt!“. Gebeten, zu erklären, wer sich da wie an wem gerächt hätte, redete sie sich mit Geistersachen heraus.

Das konnte der Lieutenant aber nicht so stehen lassen, denn was den Fall noch schwerwiegender machte als Mord ohnehin schon ist, war der Umstand des Doppelmordes, da der tote Buschtaxifahrer-Mann im Haus des Polizeichefs von Guiglo gefunden wurde neben der Leiche eben jenen Polizeichefs. Als er dies erwähnte, drehte die gute Frau durch und bekam einen hysterischen Anfall vor lauter Schmerz und Trauer, nahm der Lieutenant an, und war nicht mehr aussagefähig. Er dachte also schon darüber nach, den maitre rufen zu lassen, auf dass der sich um die arme Frau kümmern könnte und dabei fiel ihm ein, dass in gewisser Weise eine verwandtschaftliche Beziehung zwischen der Wirtin des Maquis, wo der maitre ja wohnte, und dem nun toten Polizeichef von Guiglo bestand. So machte er sich gleich selbst auf den Weg, einerseits um Hilfe für die Frau zu holen, andererseits lag es für ihn nahe, die Wirtin zu befragen, ob sie etwas wüßte, was weiterhelfen könnte bei der Aufklärung in Sachen dieser seltsamen Mordgeschichte in Guiglo.

Die Wirtin konnte aber nicht befragt werden, denn sie war in ihrem Maquis nicht anzutreffen und als man den dort mitwohnenden maitre befragen wollte, wo die zu Befragende sei, stellte sich die Frage, wo denn der maitre sei, und wo sein Auto, welches er ein Jahr lang und zwar seit seiner Ankunft hier, nicht bewegt hatte. Stattdessen befragte man die Nachbarn und die erklärten, die Wirtin wäre schon vor einigen Tagen weggefahren, und zwar nach Guiglo zu ihrem Verwandten dort, und zwar im Buschtaxi des genannten Buschtaxifahrermannes. Über den maitre konnten die Nachbarn nur mitteilen, dass dieser wenige Tage nach der Abreise der Wirtin mit seinem Auto verschwunden war, ohne das jemand wußte, wieso und wohin. Davor hatte man ihn noch in einem angeregten Gespräch mit dem Buschtaxifahrermann gesehen, das sagten jedenfalls die alten Eltern der Nachbarn linkerweise des Maquis, aber niemand anderes konnte das bestätigen. Trotzdem: Aha.

Wieder schwieg der Lieutenant, wobei er die eine Zigarette zu Ende rauchte, um sich darauf gleich die nächste anzustecken. „Sie rauchen zu viel, Misjöh“ murmelte mein Dad. „Das mag sein, aber dabei kann ich gut kombinieren“ antwortete der Lieutenant, „und darauf kommt es gerade an. Kurz gesagt, wenn man also die Hinweise in die richtige Reihenfolge bringt, kann man feststellen, dass zuerst die Wirtin aus Yamoussoukro samt Tochter auf ihrem Weg nach Guiglo zum verschwägerten Verwandten ihres toten Ehemannes verschwand, denn in Guiglo ist sie nicht, dass habe ich erfragt bei meinen Kollegen dort, verstehen Sie, telegrafisch.“

Er inhalierte einen langen Zug an der Zigarette tief in die Lunge, bevor er weiterredete, dabei qualmte er dann aus Mund und Nase, das sah bedrohlich aus, fand Blen. „Und wenige Tage darauf verschwindet Misjöh Fitz, der eine Beziehung hat zu dieser Frau, also der Wirtin, und deren Tochter, die er von tödlicher Krankheit heilte, sehen Sie, ich weiß Bescheid. Und nach ziemlich genau der richtigen Zeitspanne nach seinem Verschwinden und die ein geübter Fahrer braucht, um von Yamoussoukro nach Guiglo zu kommen, sterben dort ein geübter Fahrer, also der Buschtaxifahrer-Mann und der wirtinverwandte Polizei-Chef dieser Stadt G., dessen Korruption bis nach Yamoussoukro stank, sehen Sie, auch sowas weiß ich … “

„Wenn Sie davon wußten, Misjöh Lieutenant, warum konnte der Mann dort tun, was er tat, ohne eine Strafe zu fürchten“, fragte da mein Dad verblüfft … „Aha(!)“ machte da der Lieutenant und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, sah dann meinen Vater direkt in die Augen, „geben Sie zu, den nun toten Polizeichef von Guiglo zu kennen??“

Unter diesem Blick wußte mein Dad überhaupt nicht wohin mit sich, also rutschte er unbeholfen auf seinem unbequemen Stuhl hin und her und senkte den Kopf und starrte erstmal zu Boden. Weil er das Gefühl hatte, dass da gerade eine Falle zugeschnappt war, schwieg er wieder lieber und versuchte währenddessen, eine schlagfertige Antwort zu finden, gelang ihm natürlich nicht.

„Wo also waren Sie, Blen Fitz, ein Mann, der bisher nachweislich nur Gutes getan hat, in der Zeit zwischen Ihrem plötzlichen Verschwinden aus und Ihrem ebenso plötzlichen Auftauchen wieder hier und heute in Yamoussoukro, und was haben Sie dabei gemacht?“ fragte der Lieutenant. „Haben Sie etwa Rache genommen? Und wenn ja, für was?“ Mein Dad räusperte sich und schüttelte langsam den Kopf.

Man muss schon sagen, dieser Polizist der Polizei von Yamoussoukro schien Grips in der Birne zu haben und ganz ausgezeichnet für seinen Job geeignet, so wie er da vor sich hinkombinierte mit den wenigen erhaltenen Informationen. Und offenbar und zu Blens großen Erstaunen stand er wohl nicht automatisch auf der Seite seines nun toten Kollegen in Guiglo, trotz Kollegensache und so Korpsgeistkram. Es sah fast aus, als wollte dieser Lieutenant Licht in die Angelegenheit bringen, dass war sicherlich dieses Fortschritts-Ding in seinem mindset. Sagenhaft.

Rechnete man noch hinzu, dass ihm die ganze stumpfsinnige Brutalität anderer Polizisten abging, und der Mann mit der Zigarette im Mund nuschelte, er wisse zufällig darum, wie der Polizeichef von Guiglo so drauf war, denn nur wegen diesem Mann habe er sich von dort wieder nach Yamoussoukro zurückversetzen lassen, ist klar, dass Blen einfach vorbehaltlos alles erzählte, was er in den letzten Tagen erlebt hatte. Es tat gut, sich den Scheiss mal von der Seele zu reden und es dauerte eine ganze Weile, auch verständlich, und der Lieutenant unterbrach ihn nicht.

Erst als mein Dad seine Flucht aus Guiglo schilderte, also als er im Kugelhagel und blind auf das Schicksal vertrauend über die Brücke gerast war, fragte der Lieutenant dazwischen, ob er die Rückfahrt allein bewältigt habe, oder ob er Hilfe hatte, jetzt wo nun der Buschtaxifahrer-Mann tot war. Da hätte er Paps beinahe auf dem falschen Fuß erwischt, doch Blen konnte gerade noch so „… ja, stellen Sie sich vor, und dann stand da mein alter maitre am Wegesrand …“ runterschlucken, also alles was nach dem Komma kommen sollte. So blieb nur ein „… ja, stellen Sie sich vor- …!“ in der Luft hängen, was dem Lieutenant durchaus auffiel und veranlasste, zum ersten Mal meinen Dad mit so einen mißtrauischen Cop-Blick abzuschätzen, der verriet, dass er bei aller Freundlichkeit ein knochenharter und mit allen möglichen Wassern, darunter nach eignem Bekenntnis auch solches aus Guiglo, gewaschener Polizei-Mann war.

„Als ich heute bei dem Auto ankam, schliefen Sie wie tot, aber die Fahrertür stand offen, als sei gerade erst jemand ausgestiegen. …“ sagte er dann langsam. Mein Dad zwinkerte vor Aufregung nervös mit den Augen. Was für Komplikationen würde wohl die Erwähnung von maitre Gwunho auslösen? Der hatte sich sicher nicht ohne Grund grußlos verdrückt nach dem Einparken vorm Maquis. Seine nächtlichen Worte über Verantwortung, Folgen-tragen und Meister-Sein kamen Blen in den Sinn. -Nein- formulierte sein Bewußtsein lautlos und mein Vater beschloß, Diviore Gwunho nicht zu erwähnen.

„Wissen Sie, es erscheint mir sozusagen unmöglich, dass Sie in Ihrer Verfassung ohne Pause quasi zweimal quer durchs Land gefahren sind. Wir sind hier ja nicht in Europa oder Amerika, wo man solche Entfernungen vielleicht problemlos bewältigt über Autobahnen und Highways“ sagte der Lieutenant stahlhart, seine Augen zu schmalen Schlitzen verengt und daraus meinen Vater beobachtend. Autobahnen und Highways, der Mann kennt sich wirklich aus, dachte Paps und nickte beeindruckt. „Ich bin Ihnen gegenüber durchaus wohlwollend eingestellt, schon allein wegen dem, was Sie für das Mädchen der Maquis-Wirtin getan haben, erst recht für das, was meine alten Eltern betrifft. Ihre Fähigkeiten, Ihre Arbeit und Ihr Umgang mit Mitmenschen mit all ihren Fehlern und Schwächen finde ich bemerkenswert, ja inspirierend, verstehen Sie. Sie sind, idealisierend gesprochen, eine beispielhafte Synthese von Forschritt und afrikanischer Vergangenheit in meinen Augen. Darum bitte – versuchen Sie mich nicht zu belügen“, machte der Lieutenant weiter in versöhnlicherem Tone. Was nun, was tun. Das war schon ein vertrackter Moment für meinen Vater, er geriet da mächtig unter Druck, nicht wahr. Und der schlaue Lieutenant ließ nicht locker, nein, tat er nicht.

„Ich kann mir vorstellen, dass es einen weiteren Mann gab. Jemand, der eher in Frage kommt, tatsächlich einen Mord auszuführen. Jemand, der Sie am Steuer ablöste, wo für die Rückfahrt der Buschtaxifahrermann hmja … nicht mehr zur Verfügung stand. Jemanden, den Sie decken wollen oder decken müssen.“ Er angelte sich eine neue Zigarette aus seinem Etui und klopfte mit ihr dreimal mit genau bemessener Bewegung auf den Deckel der Schachtel. „Letzteres wäre ein wirlich großer Fehler. Denn dann bleibt alles an Ihnen hängen, völlig unabhängig von meiner persönlichen Meinung“ sagte er, und zündete sich die Zigarette an.

Merde! Merde-merde-merde-merde; merde. Mein Vater vergrub seinen Kopf in den Händen, ihn dabei verzweifelt schüttelnd. Immerhin war das eine halbwegs adäquate Reaktion, aber mehr war nicht drin. Statt einen Dreh zu finden, sich maitre-mäßig clever aus der Situation zum Beispiel rauszuquatschen, drehten sich seine Gedanken um die Frage, wie lange der Lieutenant sein Kopfgeschüttle als Antwort hinnehmen und wieviel Zeit er damit schinden konnte, bevor er seinen Meister verraten würde. Naja, Sekunden natürlich nur noch, also – drei, zwei, eins, vorbei. „Na …?“ machte der Lieutenant, mein Dad atmete tief durch und …

… DA klopfte es an der Tür, jemand trat ein, legte dem Lieutenant ein Blatt Papier auf den Tisch, warf einen schnellen Blick auf Blen und verschwand so wortlos wie er gekommen war. Blens Lieutenant studierte gründlich das Blatt, also was darauf stand, und zwar so gründlich, zwischendurch fiel ihm der Aschekegel seiner Zigarette aufs Papier. Dann hob er den Kopf. „Dies ist ein weiteres Telegramm aus Guiglo“ sagte er und schwieg bedeutsam, das heißt, er zog an der Zigarette und es knisterte dramatisch, fand Blen. Sie wissen vom maitre, dachte mein Dad hoffnungslos, schlimmer, sie haben ihn geschnappt. Aber wieso Guiglo? „Gute … Neuigkeiten … ?“ brachte Paps stockend heraus.

„Interessante Neuigkeiten“, antwortete der Lieutenant und starrte einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann fuhr er fort, also in dem Telegramm ginge es darum, die Identität eines jungen Mädchens zu bestätigen, welches man bei einer großangelegten Durchsuchung des Busches um Guiglo herum ziemlich verhungert und verwahrlost gefunden habe. Die großangelegte Suchaktion hätte man gestartet, nachdem man von zwei aufgegriffenen Wilderern erfahren habe, diese wären einen Tag zuvor einem verwirrten Mann mit blutiger Kleidung im Busch begegnet, der mit der Machete in der Hand nach einem Versteck gesucht habe. Diesem Verwirrten also, dem mutmaßlichen Mörder im Falle des nun toten Polizeichefs und des Buschtaxifahrer-Mannes, hätte die eigentliche Suche eigentlich gegolten.

Das Mädchen, wie gesagt am Ende ihrer Kräfte, behaupte jetzt, aus Yamoussoukro zu sein und dort, also hier, die Tochter einer Maquis-Wirtin. Dies wolle man überprüft haben auf Richtigkeit und so weiter, telegrafiert der Kollege aus Guiglo. Ausserdem behaupte sie, der nun tote Polizeichef von Guiglo sei der Bruder ihres toten Vaters, demnach ihr Onkel und ein böser Mann, der sie und ihre Mutter verschleppt habe, um sie zur Einwilligung in die Ehe mit ihm zu erpressen; nicht die Mutter, sondern die Tochter. Das sei doch mal eine spannende Entwicklung jetzt, und bei den letzten Worten zog der Lieutenant die Augenbrauen in die Höhe. Spannend, je t’emmerde**, Erleichterung flutete meinen Vater mit einer sanften, goldenen Welle, die von den Zehen gemächlich hoch zum Kopf kribbelte, und zum ersten Mal seit Tagen lächelte er.

Allerdings sei ihre Mutter am Biß einer grünen Mamba verstorben, so der Lieutenant mit unveränderter Stimme, stehe da, hätte das Mädchen ausgesagt, die wäre eines Nachts in die Baumhütte gekrochen, wo Wirtin und Tochter festgehalten wurden und gleichzeitig versteckt waren. Ja, so war das. Blens Erleichterung wurde mit einem einzigen gewaltigen Punch von tiefer Niedergeschlagenheit niedergeschlagen, fast ging er auch körperlich ko. „Sehen Sie, das spricht Sie auf jeden Fall frei vom Verdacht der Entführung, jedoch nicht vom Mordverdacht. Im Gegenteil, jetzt haben Sie sogar ein Motiv, von der Tochter bestätigt. Rache.“

Aha, ja ach, was und mann, es nahm kein Ende. Den Verdacht der Entführung hatte der Lieutenant eingangs wohl vergessen zu erwähnen oder wie, was hatte er da gesagt – aber spielt das eine Rolle, dachte mein Dad, und was sollte das alles noch. Seine schöne Wirtin war tot, das war jetzt wohl amtlich. Er setzte sich ganz aufrecht hin auf dem unbequemen Stuhl, legte seine Hände auf den Oberschenkeln ab und ballte sie zu Fäusten. Indem er seine Fingernägel langsam mit aller Kraft in die Handballen trieb, fand er in dem Schmerz etwas, um sich daran festzuhalten, was ihn die äußerliche Fassung bewahren ließ. Er dachte an die Tochter der Wirtin, die jetzt also Waise war. Wer sollte sich um sie kümmern?

Sicher nicht ich, fand Blen, nicht nach dem, was passiert ist, ich würde nur wieder schlimme Scheisse bauen, gar nicht auszudenken. Nein, sollte es ein Entkommen aus dieser ganzen Sache geben, würde er sich an den Ratschlag von Gwunho halten, und einfach weiterfahren, irgendwohin, nicht stehenbleiben, nicht zurückgucken, fort von all dem so chaotisch entstandenen Unheil. Das mit dem Entkommen war allerdings mehr so rhetorische Floskel, die man halt aus reiner Gewohnheit mitdenkt, entkommen, lachhaft. Er war ja nicht mal in der Lage gewesen, das Heim des Mädchens zu beschützen. Wohin sollte sie nun zurückkehren, in ein abgebranntes Maquis etwa? Apropos Maquis.

„… was ist eigentlich mit dem Maquis geschehen, wenn ich fragen darf“ fragte Dad schwach, „ich habe damit nichts zu tun jedenfalls.“ „Sie haben scheinbar mit nichts und irgendwie mit allem zu tun“ gab der Lieutenant mit leichter Resignation zurück. „Aber das kann ich Ihnen natürlich gern erzählen.“ Und dann berichtete er, das in der Nacht nach dem Tag, an welchem man polizeilicherweise einerseits vom Tod des Buschtaxifahrermannes erfahren hatte und um dann in Zusammenhang damit die Abwesenheit von Maquis-Wirtin, ihrer Tochter und maitre Fitz andererseits festzustellen, dass also in den frühen Morgenstunden dieser Nacht kurz vor der Dämmerung, der ganze Laden mit einem Knall in Flammen aufgegangen war.

Von dem Knall aus dem Schlaf gerissen, seien die Bewohner der Strasse erschreckt aus ihren Betten gesprungen und auf dieselbige gerannt, auf der Suche nach der Ursache dafür. Sie fanden das Maquis in einem wütend prasselnden Feuer und die Leute konnten nur noch ein Überspringens des Brandes auf andere Häuser verhindern, so heiß brannte die Flammen, ein Höllenfeuer, wahrhaftig. Offiziell ließ man am nächsten Tag verlautbaren in der Strasse am Stadtrand usw., ein nicht korrekt gelöschtes Feuer in der Kochstelle des Maquis hätte zu einer Explosion von im Haus gelagerter Substanzen geführt, die erst den Knall und dann den Brand verursachte hätten.

Soso, hätten die Leute gesagt und sich natürlich gewundert, was eine Maquis-Wirtin Explosives in ihrem Maquis lagern könnte, und da man da beim kollektiven Grübeln auf nichts kam, richtete sich der Verdacht der Strassen-Bewohner auf das nächstgelegene, als da war maitre Fitz, also vielmehr auf dessen Utensilien … „Waren Sie im Besitz von explosiven Material?“ unterbrach sich der Lieutenant, und seine Hand mit der soundsovielten Zigarette schnellte wie eine Kobra Richtung Blen. „Quatsch, wozu denn das?“ stammelte mein Dad bestürzt. „Na, vielleicht brauchen Sie sowas für Ihre Heilereien. Ich weiß von Scharlatanen, die mit Schießpulver rumhantieren.“ Der Lieutenant guckte meinen Vater erwartungsvoll an. „ … ich bin doch kein Scharlatan“ konnte der dazu nur ganz spröde sagen, es klang müde und sogar ein bißchen vorwurfsvoll. „Also kein Schießpulver?“ hakte der Lieutenant nach, und Blen zuckte nur noch verständnislos und verneinend mit den Schultern. „Schade“ sagte der Lieutenant und lehnte sich mit mißmutiger Miene wieder zurück in seinem bequemen Stuhl. „Wäre jetzt mal eine einfache und bequeme Erklärung in dieser verrückten Sache.“ „Die Leute glauben das aber?“ fragte mein Vater kopfwackelnd, „ waren die deswegen so feindselig mir gegenüber?“

„Nein, die Leute glauben ganz andere Dinge, und dabei, glauben Sie mir, da kommen Sie noch viel schlechter weg“, erwiderte der Lieutenant und Dad hätte schwören können, als der das sagte, hatte er einen belustigten Ausdruck in den Augen, jedenfalls für einen kurzen Moment.

Nicht alle der Bewohner nämlich wären von dem Knall geweckt worden, erzählte der Lieutenant weiter, einige Alte mit leichtem Schlaf, genauer zwei alte Frauen und ein alter Mann, wurden schon vorher und ganz unabhängig von einander von einem dumpfen, grollenden Dröhnen wach, welches vom Himmel zu kommen schien, hätten sie ausgesagt. Der alte Mann schaffte es noch, seine Frau aus dem Schlaf zu holen, und diese hörte es dann auch. Vier Zeugen also, die einhellig bezeugten, wie es plötzlich taghell geworden wäre, als sei die Sonne aufgegangen, aber nur für eine Sekunde, und dabei sei ein kleines, glühendens Bällchen aus der Helligkeit mit zischendem Geräusch Richtung Boden geschleudert worden, direkt auf sie zu. Dann knallte es gewaltig und es war wieder finster, dafür bellten jetzt die Hunde und anderes Viehzeug machte Geräusche, Ziegen zum Beispiel und Hühner. Dann hörten sie nach einem Moment voller Weltuntergangsangst die Rufe anderer, und aus diesen heraus, dass das Maquis lichterloh brenne. So.

Diese vier also sind der felsenfesten Überzeugung, das hier der Gewittergott SO zugeschlagen habe. Der kann sich zwecks Kommunikation in einen weiblichen Teil und einen männlichen aufspalten, was dann Sodza und Sogbla wären, die auf diese Weise mit und zu anderen sprechen, was bei einem normalen Gewitter das Grollen und Donnern wäre mit abschließendem Blitz, hier aber das grollende Dröhnen mit abschließendem Glutgeschoss. Dies könne man wohl als Stimmungs-Ausdruck des GewitterGottes einordnen den alten Leutchen nach, und diese Stimmung könnte man am besten mit junge-junge-was-sind-wir-heute-sauer umschreiben. Diese Meinung habe durchaus Anklang als Erklärung gefunden unter der Bevölkerung der Strasse, auch weil alle vier Zeugen in dem zischenden Geräusch des Feuerballs, der alte Mann imitierte es mit einem zahnlosen -ffzzz-, Blens Nachnamen verstanden haben wollten. Das wiederum aber werten sie als eine Botschaft.

Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet in den Augen der Strasse nun, war es eine Botschaft  f ü r  den maitre oder  v o n  ihm, und sie teilt die Leute in zwei Lager.

Das eine, zu der zwei der alten Frauen gehören, behauptet, dieser gesamte Vorfall inklusive des Verbrennens des Maquis muß als eindringliches Zeichen der Warnung an maitre Fitz betrachtet werden sowie an alle anderen, die mit ihm zu tun hatten und haben, was nach Dafürhaltens des Lieutenants dann wohl die gesamte Strasse wäre. Für diese Fraktion offenkundig, habe der maitre mit seiner nach eigner Aussage sogenannten „Wasser- und Bäderkunst“ und überhaupt mit seinem ganzen Tun eine rote Linie überschritten, die den Zorn des SO so entfacht habe, dass er relativ deutlich seinen Standpunkt verdeutlichte, indem er einen feurigen Kugelblitz aufs Maquis abfeuerte. So habe der maitre zwar immer behauptet, führten die alten Frauen aus, sagte der Lieutenant, bei seinen Heilungen und Tätigkeiten durchaus der Geister, Götter und Ahnen zu gedenken und ihnen entsprechend zu opfern in entsprechenden Zeremonien, aber könne denn das einer bestätigen, gesehen habe es doch keiner. Daraus wiederum schlossen diese, er, der maitre, muß die für den Erfolg seiner Arbeit zwingend notwendigen okkulten Dinge also in strenger Heimlichkeit ausgeführt haben, und jedes kleine Kind wisse schon, wer seine Zeremonien im Verborgenen zelebriert: Schwarzmagier und Schadzauberer. Böse!

Woraus nun wieder messerscharf gefolgert wurde, Blens Arbeit sei eine finstere, deren noch finsterer Zweck gar nicht erst weiter ergründet werden solle, nachdem SO so nachdrücklich gesprochen habe, Feuer gegen Wasser, und wer weiß, was der armen Wirtin und ihrer Tochter geschehen sei. Am besten wäre es, den maitre zu töten, zu verbrennen und seine Asche von heißen Winden in alle Richtungen verteilen zu lassen, auf das die Straße und ihre Bewohner von seinen schwarzen Miasmen gereinigt würden.

An dieser Stelle gaben andere zu bedenken, dazu müßte man erstmal seiner habhaft werden, was sich als schwierig erweisen könnte, zeige doch die Tatsache, dass SO zwar einen Kugelblitz nach ihm geworfen, aber nicht getroffen habe, dass die finstere Macht dieses maitre nageurs nicht zu unterschätzen sei. Vielleicht sollte man es erstmal mit dem gutem, alten Analogiezauber versuchen und den maitre bannen, so dass es ihm nicht gelinge, nach Yamoussoukro zurückzukehren. Und man äußerte die Hoffnung, jetzt, wo der Mann verschwunden sei, bleibe er es auch, denn das wäre doch die einfachste Lösung dieses Problems.

Natürlich wußte der Lieutenant, dass die beiden alten Weiber, die da so nachvollziehbar fürs Volk die Situation deduzierten, diejenigen gewesen waren, die vor Blens Auftauchen in der Strasse am Stadtrand usw. im Heiler- und Geisterbiz unterwegs waren. Zwar habe nach seinem Erscheinen der Verkauf ihrer Kräuter an Blen bzw. seine Wirtin bzw. an Blens Kunden wie z.B. den Vater des Lieutenants, den finanziellen Verlust ihres jeweiligen Geschäfts kompensiert, da sie gepfefferte Preise nahmen – nicht jedoch den ihrer Autorität, straßengesellschaftlich gesehen. Er, der Lieutenant, verbat ihnen darum kurzerhand, mit ihrer Betrachtungsweise und ihrem radikalen Lösungsvorschlag die Leute aufzustacheln, da das einem Aufruf zum Mord gleichkomme, nein, einer ist. Grummelten fügten sich die beiden Frauen, wohlwissend, dass ihre Behauptungen auf fruchtbaren Boden gefallen waren.

Hier machte der Lieutenant eine Pause, vielleicht um meinem Vater die Gelegenheit zu geben, dass Gehörte sacken zu lassen, oder um sein Erzähltes selbst noch einmal zu überdenken, denn er nickte zwei, drei mal wie geistesabwesend vor sich hin. Mein Dad kannte diese beiden alten Frauen gut, jedenfalls hatte er gedacht, er würde sie gut kennen. Er hatte oft im letzten Jahr mit ihnen über Kräuter geplaudert, war von den Lebensweisheiten aus ihren langen Leben beeindruckt gewesen und die spitzen Bemerkungen seiner Wirtin über deren Preise meistens weggelacht, es ging doch allen gut dabei. Er war erschüttert von der Eröffnung des Lieutenants, dass all ihre Herzlichkeit nur vorgetäuscht gewesen sein sollte, und sie ihm eigentlich den Tod an den Hals wünschten.

„Was ist mit der anderen Fraktion? Was glauben die denn?“ fragte er betroffen. Der Lieutenant schreckte aus seinen Gedanken auf, räusperte sich ertappt, ging zur Tür, öffnete sie und schrie in den Flur und dösigen Nachmittag hinein, sofort Wasser für den Gefangen und eine Tasse Kaffee für den Lieutenant zu bringen. Dann wartete er gemächlich, bis das Geforderte gebracht, setzte sich wieder auf seinen Platz, trank gierig den Kaffee mit einem Zug aus und zündete sich die nächste Zigarette an.

„Die andere Fraktion“, sprach er und der Tabakqualm waberte dabei wie ein Menetekel um seinen Kopf, bevor er vom Ventilator an der Decke verwirbelt wurde, „die nun sind der Überzeugung, das ganze Geschehen sei eine Botschaft v_o_n maitre Fitz zum Zwecke der Demonstration seiner Macht gegenüber den Leuten in der Strasse.“ Dad riß erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. „All das Wissen, was der maitre habe, kann man nicht in so jungen Jahren schon gesammelt haben“ fuhr der Lieutenant fort, „sagen diese, und für sie gibt es da nur einen Weg, es sich anzueignen – nämlich durch irgendeinen schwarzen Deal sozusagen mit den übernatürlichen Kräften, also wenigstens einer davon, in diesem Falle demnach SO.“

„Was?? Diese Leute glauben, ich würde über Blitz und Donner gebieten?“ rief mein Vater ungläubig aus. Der Lieutenant runzelte die Stirn. „Naja, so in etwa jedenfalls. Trinken Sie mal das Wasser, bevor es schal wird. “

Wortführend sei hier der alte Mann und dessen Frau, die wiederum die Eltern der Witwe des Buschtaxifahrermannes seien, fuhr er fort, die Zigarette dabei als Zeigestock auf einer unsichtbaren Schautafel benutzend. „Auch wenn der nun tote Buschtaxifahrermann seine Frau oder Eltern erkenntlich nicht in sein Tun eingeweiht hatte, und nach Ihrer Aussage eher selbst Opfer als Täter gewesen, ahnte wenigstens dessen Frau wohl, dass ihr Ehegatte da in eine krumme Tour verwickelt war“ … „Sie hat die Kranke gespielt, die mich davon abhielt, mit Wirtin und Tochter nach Guiglo zu fahren“ warf Blen aufgebracht ein, … „in der der maitre eine wichtige Rolle spielt, aber keine gute“ beendete der Lieutenant seinen Satz, „denn dies jedenfalls erkläre ihren spontanen Ausruf, nachdem sie von mir über den Tod ihres Manns in Kenntnis gesetzt worden war.“

Diese Fraktion nun ist sich sicher, so der Lieutenant, dass der maitre seine Seele SO verkauft habe im Tausch für Wissen und er würde jetzt hier nicht den komplizierten, aber in sich schlüssigen Gedankengang nachvollziehend darlegen, warum ein Blitzgott Wasserwissen an Sterbliche vertickere; aber ebenso sicher sei man deswegen auch, dass er, der maitre, für mehr Wissen weitere Seelen, deren er sich bemächtigen konnte, SO angeboten habe – man denke nur an die Wirtin und ihre Tochter. „Aber die Tochter ist doch …“ unterbrach Blen wieder den Lieutenant.

„Aber davon wissen in Yamoussoukro bisher nur Sie und ich“, unterbrach der meinen Vater und machte weiter. Von diesem Punkt aus jedenfalls begannen sich die Leute mit Blens plötzlichen Erscheinen vor einem Jahr (einige sprachen von „auf den Tag genau einem Jahr“) zu beschäftigen, und seiner selbstlosen Arbeit ohne Lohn, und darin schien nun der Beweis zu liegen fürs Seelenbemächtigen und der Seelenhehlerei. Niemand mit klarem Verstand ist von sich aus und ohne Hintergedanken so selbstlos, und nichts gibts umsonst, das war doch eigentlich sonnenklar und universell, nur bei diesem maitre sollte es nicht gelten? Non-sense. Am Ende der Überlegungen dieser Gruppierung stand, die Wirtin und ihre Tochter wären nur der Anfang, jetzt präsentierte er also seine Rechnung, und niemand weiß, wer der nächste sein werde.

„Das ist doch verrückt“, murmelte mein Vater, „und vor allem schrecklich inkonsistent. Wenn ich mich der Seelen hätte bemächtigen wollen, wozu soll ich denn dann aus der Ferne mit Blitzen danach werfen statt sie einfach vor Ort einzusammeln?“ Der Lieutenant nickte. „Wir beide wissen, dass das Unsinn ist. Nichtsdestotrotz hält auch die zweite Fraktion Sie für einen gefährlichen Schwarzmagier und Schadzauberer, den man schlimmstenfalls nicht nur mit Ritualen bannen sollte“ sagte er und wedelte das Streicholz sorgfältig aus, mit dem er seine erloschene Zigarette neu angezündet hatte. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was Ihr unerwartetes Erscheinen heute morgen neben der Brandruine für einen Schock ausgelöst hat.“

„Haben etwa die Bewohner der Strasse in ihrer Verblendung das Maquis angesteckt?“ fragte mein Vater den Lieutenant, nachdem er dessen Worte verdaut hatte. Eine naheliegende Erklärung, räumte der ein, aber nicht ganz folgerichtig. Das, was mein Dad „Verblendung“ nennt, setzte ja erst tagsdrauf nach dem Feuer ein, also gestern. Und falls es doch jemand aus der Strasse gewesen sein sollte, also z.B. die Witwe des nun toten Buschtaxifahrermannes, dann könne Blen mal sicher sein, dass all die Leute dort in der gegenwärtigen Situation sie eher schützen würden. Und wer will schon eine Aufruhr risikieren wegen einer abgebrannten Hütte in einer ärmlichen Gegend am Rand der Stadt, nicht wahr.

„Und wegen diesen Geschichten waren die Leute also so niederträchtig zu mir heute …“ erkannte Dad, und das machte ihn ratlos, müde und der Dummheit der Menschen unendlich überdrüssig. Langsam trank er sein Wasser aus und wog das leere Glas in der Hand. Ein Jahr lang hatte er offenherzig und großzügig gegeben, hatte geglaubt, den Leuten Gutes zu tun und deswegen Gutes zu erhalten und es hatte sich als trügerische Illusion erwiesen. Weil er seinem vorgegebenen Weg nicht gefolgt war, wie der alte maitre behauptet hatte? Was war das denn für ein Weg, wo alles Gute rechts und links sich in Schlechtigkeit verwandelt, wenn man ihm nicht folgt? Und dann schmetterte er mit aller Kraft, über die er noch verfügte, das Wasserglas vor sich auf den Boden, wo es in einer kleinen Explosion in unzählige Teile zerschellte. Sein Leben. So sah es aus.

„Na na na“ machte der Lieutenant und schien eine Spur beunruhigt, „lassen Sie sowas bitte in Zukunft.“ Paps blickte ihm in die Augen. „Wenn die Leute von mir halten, was sie halten, wie Sie sagen, warum haben sie mich nicht einfach umgebracht heute morgen?“ brach es bitter aus meinem Vater, „wäre doch ganz einfach gewesen. Und vielleicht nicht mal das Schlechteste.“ Der Lieutnant nickte wieder mit dem Kopf. „Nein, denn die haben schließlich eine Heidenangst vor Ihnen, haben Sie das nicht verstanden?“ Er nickte zur Untermauerung seiner Aussage erneut energisch. „Stellen Sie sich nur mal vor, was da in der vergangenen Nacht an Bannzauber und Voodoo-Magie in Ihre Richtung ganz sicher abgelassen worden ist, und am nächsten Morgen steht da nicht nur Ihr Wagen auf der Strasse, sondern Sie gleich mitdrin. Schlafend, als könne nicht das geringste Ihnen etwas anhaben …“, hier mußte der Lieutenant grinsen, wahrscheinlich stellte er sich gerade die perplexen Gesichter der Leute vor, die Blen als erste entdeckt hatten.

„Außerdem war ich rechtzeitig vor Ort. Aus Erfahrung weiß ich nämlich, wenn sich nur genügend versammeln, kann die Angst ab einer gewissen Quantität umschlagen, und dann hat man es mit einem blindwütigen Mob zu tun. Sie zu verhaften war jetzt kein Vorwand, aber es entspannte die Angelegenheit, ohne dass jemand zu Schaden kam.“ Blen kam da in den Sinn, dass er dem Lieutenant gegenüber vermutlich dankbar sein mußte, ihn da rausgeholt zu haben aus, hahaha und unfrohes Lachen, dieser brenzligen Situation.

„Und Sie, Sie hatten keine Angst vor meinen Zauberkräften?“ fragte Dad. „Nee“ antwortete der, während er die letzte Zigarette, wie er mit betrübten Gesicht feststellte, aus dem Etui nahm und sie an ihrem aufgerauchten Vorgänger anmachte, „ich bin marxistischer Materialist. Ich glaube an Mord und Totschlag aus Gier und Armut, ich weiß, dass ein großer Teil meiner Kollegen korrupt ist, so wie der nun tote Polizeichef von Guiglo, ich glaube aber auch an den Fortschritt und an Bildung und an solche Sachen. Nein, ich glaube nicht an Hexer- oder Zauberei und irgendwelche Götter. Sowas vernebelt nur den Verstand und macht blind für die wahren Wunder.“

Ein beeindruckendes Statement, fand mein Vater, was er so noch nie gehört hatte, und von einem Polizisten niemals erwartet hätte. Unter einem materialistischen Marxisten, nein, andersherum, darunter konnte er sich wenig vorstellen, aber die letzten Sätze waren klar und deutlich gewesen. „Übernatürliche Ursachen betreffs des Maquis-Brands schließe ich jedoch auch nicht aus“ sagte der Lieutenant dann bedächtig „denn in der Tat bin ich ebenso Zeuge dessen geworden, was die vier alten Leutchen gesehen haben wollen.“ Da blickte mein Dad sehr verdutzt nach dieser Bemerkung. Der Lieutenant kicherte leise.

„Nur verstehe ich etwas völlig anderes unter übernatürlich“ erklärte er sich. „Wissen Sie, was ein Meteorit ist?“ Davon hatte maitre Gwunho Blen erzählt, erinnerte sich mein Vater. Im benachbarten Ghana hätte einer in allergrauester Vorzeit ein Loch in die Erde geschlagen, zehn Kilometer groß, so dass ein acht Kilometer großer See darin seinen Platz fand; ein gigantischer, natürlicher swimming-pool, den die Einheimischen Bosomtwe nennen, und keiner weiß mehr warum, weil es so lange her sei, so hatte der alte maitre gesagt, und er habe es mit eignen Augen gesehen, aber das war maitre-Wissen oder nicht? „Aber das ist maitre-Wissen …“ rutschte meinem Vater raus, und als er den herausfordernden Blick des Lieutenants sah, fügte er betreten hinzu „ … und was hat das mit dem Brand des Maquis zu tun?“ Da hätte er also doch noch fast den maitre erwähnt. Teufel.

„Maitre-Wissen, soso. Geheimwissen, wie? Das ich nicht lache.“ Aber der Lieutenant lachte nicht, sondern guckte verbissen und zog wütend an seiner Zigarette. „Also ich interessiere mich für Astronomie, “ sagte er dann ruhiger, „und ich hab darüber in einem Lexikon gelesen. “ Dad guckte verunsichert. „Seien Sie froh darüber, Mensch, denn so konnte ich die Dinge richtig zuordnen, und halte Sie nicht ebenfalls für einen gefährlichen Zauberer oder gerissenen Trickster, den man am besten um die Ecke bringt“ polterte der Lieutenant ein bißchen rum. Der Mann war ein echt sympathischer Typ, fand Blen wieder, auch wenn er keine Ahnung hatte, worauf der Lieutenant hinauswollte.

„Ich denke, nach allem, was ich weiß, dass ein sehr, sehr kleiner, also winziger als ein kleiner Finger, aber eben in seiner Wirkung immer noch schlimm zerstörerischer Meteorit in das Maquis eingeschlagen ist“ verkündete der Lieutenant. „Natürlich ist das ein verrückter Zufall, was Zeit und Ort betrifft, aber es ist nur wenig wahrscheinlich, nicht unmöglich. Und schließlich – ich habe es selbst gehört und gesehen. Nicht nur das Dröhnen und wie der Himmel kurz erleuchtet war, sondern auch wie etwas blitzschnell in das Maquis rummste, eine Druckwelle Staub aufwirbelte, an den übrigen Hausdächer rüttelte, und gleichzeitig und innerhalb eines Wimpernschlags das Feuer ausbrach. Ich habe nämlich in jener Nacht die Strasse observiert. Nur für den Fall, das einer der Maquis-Bewohner zurückkehrt. Nennen Sie es ein Bauchgefühl, gespeist aus dem Wissen über das Wesen des nun toten Polizeichefs von Guiglo.“ Hammer, dieser Lieutenant, fand Dad.

„Aber was sagt Ihnen, dass ich nicht doch etwas damit zu tun habe?“ wagte er einzuwenden, nur um sicher zu gehen. Überrascht blickte der Lieutenant meinen Vater an und musterte ihn nochmals eindringlich. „Wenn Ihnen übernatürlichen Kräfte zur Verfügung stehen sollten, gleichgültig wie Sie in Ihren Besitz gekommen sind, würden Sie nicht die ganze Zeit hier sitzen. Oder?“ Ja, letztendlich hatte mein Vater wohl mit diesem Polizisten wirklich Glück, es hätte auch ganz anders gehen können. Er hüstelte verlegen. Wie gehe es denn jetzt weiter, wollte er dann wissen.

„Tja, da wären immer noch die Morde in Guiglo“, antwortete ihm der Lieutenant. „So, wie Sie es darstellen, klingt es eher nach einer dummen Verkettung von Umständen, die zu einer Art tödlichen Unfall führte. Das ist sicher so möglich, aber, seien wir ehrlich, nicht wahrscheinlich, oder? Spuren und Indizien sprechen da eine andere Sprache. Deswegen nehme ich Sie in Untersuchungshaft auf Grund des Verdachtes des Mordes am Polizeichef von Guiglo sowie am Buschtaxifahrer-Mann. Für heute machen wir erstmal Schluss. Ich denke, wenn Sie sich in der Zelle ein bißchen ausgeruht haben von Ihren strapaziösen Tourereien hin- und her durchs Land so ganz alleine, kommen wir vielleicht auch in diesem Punkt weiter. Leider hat der Sergeant, den ich in der letzten Nacht zur Überwachung der Brandruine eingeteilt hatte, Ihre Ankunft im wahrsten Sinne des Wortes verpennt. Naja. … maitre-Wissen also, ja?“ Sprachs, drückte die letzte Zigarette im Ascher aus, stand auf und verließ den Raum.

Fortsetzung folgt

*Hör auf, mich anzuglotzen, mein lieber … . ** leck mich am Arsch

 

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