Dinge, die aus dem Ruder laufen

Warum sollte man von wo fortgehen, wenn man da einen Ort hat, an dem alles so ist, wie man glaubt, so und nicht anders sollte es sein? Von so einem Ort geht man nicht fort. Von so einem Ort wird man vertrieben. So läuft das. 

Dreizehn Monate verstrichen. Dreizehn Monate können einfach so verstreichen. Die Tage glitten ineinander, so wie sie es schon im Hotel d‘ Ivoire in Abidjan bei maitre Gwunho für Blen getan hatten. Die Stunden waren gefüllt mit Ausbessern und Warten des maroden Pumpensystems, schließlich ist so ein maitre nageur irgendwie auch ein Klempner, ist ja klar, und damit es sauberes Wasser im Viertel gibt. Dann waren da die Bedürftigen, die zu ihm kamen und die es zu behandeln galt, das Besorgen von Heilmittel und Zubereiten von Heiltränken, und nicht darauf nur tat seine Arbeit sich beschränken, nein. Einige Male in dieser Zeit wurde er bei Streitigkeiten unter den Leuten als Vermittler tätig und war also eine Art Friedensrichter; gut, Ausnahme, aber eben auch vorgekommen. Viel häufiger dagegen wurde er mitten in der Nacht geweckt und an das Lager eines Kranken gerufen. Das war sicher lästig, aber hm, wenn jemand sein Können faktisch gratis anbietet, sollte er über Zulauf sich nicht beklagen, oder. Die Sonne ging auf und wieder unter, und mein Vater lebte in dem angenehm unkomplizierten und guten Gefühl, gebraucht zu werden. Mußte er sich mehr Gedanken machen? 

Natürlich waren die Leute neugierig und fragten erst sich und dann später auch Blen, wer er denn nun eigentlich sei, woher er und wie er in diese Strasse komme und zu diesem Job usw. und jetzt mal nicht so schüchtern, man sieht doch, du bist nicht von hier. Also jedenfalls nicht aus Yamoussoukro, und schon gar nicht aus einer Strasse am Stadtrand, oder so. Solchen Fragen begegnete mein Vater stets mit einem aus maitre Gwunhos Repertoire stammenden, und, wie er hoffte, ebenso milde und verständnisvoll wirkenden Lächeln. 

Und dann erzählte er mit sonorer, ruhiger Stimme die Geschichten über das ferne Land Vietnam am anderen Ende der Welt, die er von maitre Gwunho darüber gehört hatte – nur hatte diese Geschichten hier jetzt eben nicht maitre Gwunho erlebt, sondern der maitre Blen Fitz. Auf diese Art und Weise mußte er weder seine Zeit in Abidjan erwähnen, noch das bzw. wie er den maitre Gwunho kennengelernt hatte, und schon gar nicht, daß er sein Schüler gewesen war. 

Also er log jetzt nicht richtig, nicht wahr, denn schließlich hatte ja jemand (maitre Gwunho) diese Geschichten tatsächlich erlebt. Ein Findelkind sei er gewesen, sagte er auf die Frage nach seiner Herkunft, er kenne seine leiblichen Eltern nicht, bon, und das war die blanke Wahrheit. Die ungeklärten, mysteriösen und tödlichen Umstände, die zu seiner unerwarteten, plötzlichen und völlig überstürzten Abreise aus Abidjan geführt hatten, in solchen Situationen immer vor Augen, fand Blen, es sei eine gute Idee, den Leuten Antworten zu geben, mit denen sie sich wohlfühlen konnten – und nicht weiter nachfragten, sondern lieber staunend zuhörten. Und wenn sie am Ende glaubten, er sei mit seiner Ente direkt von Vietnam in diese Strasse am Stadtrand von Yamoussoukro gekommen, tat er nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Und vielleicht war das ein Fehler. 

Natürlich hätte mein Vater auch einfach den wahren Ablauf der Dinge erzählen können. Dann wäre die Geschichte damit geendet, wie eines Nachts aus heiterem Himmel ein Mordanschlag auf seinen Meister und ihn verübt worden war, und statt dass sein Meister tot vor seinen Augen gelegen, sich irgendwie danach die Realität verändert hatte. Meinem Dad graute es insgeheim vor Abidjan und dem, was er da ein Jahr zuvor in einer virtuelle Gedächtnis-Kapsel verschlossen hatte. Deren Inhalt kam ihm immer noch so unwirklich vor, dass es sich realer anhörte und einfacher war, an dieser Stelle besser maitre Gwunhos Geschichten zum besten zu geben. Und ganz sicher wollte er nicht als der Mann dastehen, der vor Geistern auf der Flucht ist und vielleicht war auch das ein Fehler. Auf jeden Fall sah mein Dad den Schlag aus einer ganz anderen Richtung nicht kommen. 

Es war der Fahrer eines Buschtaxis, der Blen die Nachricht überbrachte. Da waren seine Wirtin und ihre Tochter schon seit zweieinhalb Tagen verschwunden. Der Buschtaxifahrer-Mann hatte Angst, als er vor meinem Vater stand. Er schwitzte große Tropfen Schweiß deswegen, die auf seiner Stirn glänzten, und war auch so schrecklich nervös, dass er kaum stillstehen konnte. Zuerst glaubte Blen, einen Patienten vor sich zu  haben, dem sein Leiden peinlich wäre, auch so etwas gibt es ja durchaus, und der darum solche Faxen machte, statt mit der Sprache endlich rauszurücken. Als der Buschtaxifahrer-Mann dann mehr gestottert als gesagt hatte, was er zu sagen hatte, war es wiederum an meinem Dad, nun nervös rumzuzucken und ungläubig rumzustottern, während ihm der Angstschweiß ausbrach. 

Der Buschtaxifahrer-Mann war mitsamt seinem Buschtaxi vor zweieinhalb Tagen auf seiner Tour nach Guiglo überfallen worden, just als Blens Wirtin und ihre Tochter genau dieses benutzt hatten, um ihre Verwandtschaft in jenem kleinen Städtchen zu besuchen. Guiglo liegt südlich und nicht weit entfernt von Yamoussoukro, aber es war zu damaliger Zeit eine elende, schlammige Lehmpiste quer durch den Urwald dorthin, auf der selbst der beste Geländewagen sich eher schwankend von einem Schlagloch zum nächsten quälte. 

Mein Dad fühlte sich diesen wegetechnischen Konditionen nicht gewachsen, da man hier nun viel fahrerische Übung und großes Können benötigte, wollte man heil und in einem Stück an sein Ziel gelangen, und ebensowenig traute er der Ente so eine Strecke zu. Also da er fürchtete, der Wagen würde auf so einer Tour beschädigt werden, und da er aber ursprünglich mit von der Partie bei diesem Verwandtschaftsbesuch in Guiglo sein sollte, hatten mein Dad, seine Wirtin und ihre Tochter entschieden, lieber dem bewährten Buschtaxi und dessen versierten Fahrer zu vertrauen, statt der Ente (und meinem Dad). Faktisch schon mit einem Fuß im Buschtaxi, war allerdings Blen im allerletzten Augenblick zu einem besonders dringenden Fall, wie man ihm wortreich versicherte, ans Krankenbett gerufen worden, was so also scheinbar ganz spontan dazu führte, dass mein Vater nicht an diesen Ausflug nach Guiglo teilnahm. Und vielleicht war das der entscheidene Fehler, doch wenn man es genau nimmt, war Dad nicht wirklich richtig sauer über diese Änderung der Situation, was ich verstehen kann bei den beschriebenen Strassenverhältnissen. Heutzutage führt eine Asphaltstraße schnurgerade durch Dschungel und Savanne von Yamoussoukro nach Guiglo, aber wie ich an anderer Stelle schon sagte, das Heute spielt hier jetzt keine Rolle. 

So jedenfalls fuhren damals Blens Wirtin und ihre Tochter alleine davon, während der Kranke, zu dem mein Vater so dringlich gerufen worden war, sich als gar nicht so krank erwies, wie es am Taxi noch gewirkt hatte. Das aber war nun schon Teil des Plans, wie mein Vater gerade eben von dem verängstigten Buschtaxifahrer-Mann erfuhr, und dieser Plan besagte als erstes, man müsse sich vor den großen und gefährlichen Zauberkräften, die man dem maitre nageur Blen Fitz insgeheim und auf Grund seines Können und Tuns und seiner augenscheinlichen Erfolge hin zusprach, schützen. Um ihm also gleichzeitig die Hände zu binden und ihn erpressen zu können, so hatte man sich vorgestellt, müßte man seine Wirtin und ihre Tochter entführen und ihr Leben bedrohen, und genau so hatte man es gemacht. 

„Man“ ist in diesem Fall die Verwandtschaft in Guiglo, die wohl ganz einfach neidisch auf den materiellen Erfolg der Wirtin in Yamoussoukro war und auf ganz direkte Weise daran partizipieren wollte, aber das wußte mein Vater zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Wie er allerdings weiter von diesem Buschtaxifahrer-Mann erfuhr, stellte man Forderungen an ihn betreffs eben seines Geheimwissen und der dazugehörigen Zauberkräfte, und zwar ganz konkret für den Zaubertrank, der die Tochter der Wirtin vor dem fast sicheren Tod gerettet hatte. Den wollte man haben, um den Zauber auf eigene Rechnung verkaufen zu können, weiter nichts und das wäre auch schon alles. Solange der maitre nageur, also mein Dad, jedoch nicht mit diesen Informationen rumkäme, solange würden Wirtin und Tochter an einem unbekannten Ort festgehalten, wo man sie ihrem Schicksal überlassen hätte, vor allem aber ohne Nahrung oder wenigstens Wasser. Je eher Dad also die gewünschten Informationen überbringen ließ, und zwar durch den vor ihm stehenden Buschtaxifahrer-Mann, umso eher könnte man dann auch die Wirtin und ihre Tochter aus der Gefangenschaft entlassen, sagte der Buschtaxifahrer-Mann, hätte man ihm gesagt. 

Mein Dad war erst einmal schwer verblüfft über diesen Schwachsinn, den er da gerade gehört hatte, das war, als er nervös zu werden begann. Dann ging ihm die Dimension der ganzen Angelegenheit auf, und das dieser Schwachsinn eher Wahnsinn glich – und der Buschtaxifahrer-Mann fürchtete sich also vor ihm, weil er Blen für einen großen Zauberer hielt. Ja, alles in allem klang das nach wahnsinnigem Schwachsinn, aber offenbar leider nach einem ganz realen. Das war dann der Augenblick, als auch Dad der Angstschweiß auf die Stirn trat. Jemand hatte offenbar keine Skrupel, die Wirtin und ihre Tochter umzubringen, um ein Rezept für einen läppischen Trank zu erfahren, der vor allem deshalb so machtvoll war, weil es  eben gar keinen Zauber dabei gab. Also wollte mein Vater erfahren, wer dieser jemand sei, aber das wollte der Buschtaxifahrer-Mann nicht preisgeben, weil er dann selbst in Schwierigkeiten käme, sagte er. Dafür hatte mein Vater durchaus Verständnis. Er dachte mit mulmigem Gefühl daran, die Polizei einzuschalten, doch da ein simples Rezept Wirtin und Tochter befreien konnte, verschob er diese Handlung auf später,  und in Nullkommanix hatte er die Zutaten für die Medizinsorgfältig und leserlich auf einem Zettel  geschrieben. Den hielt er dem Buschtaxifahrer-Mann hin und erkundigte sich nach dem weiteren Prozedere, was darin bestehen sollte, dass der Buschtaxifahrer-Mann den Zettel an sich nehmen und den Entührern und Erpressern zu bringen hatte, um dann auf dem Rückweg dafür die Wirtin und ihre Tochter wieder mit nach Yamoussoukro zu bringen. Auch hier lief es so wie geplant, jedenfalls was den ersten Teil betrifft, der zweite Teil erfüllte sich nicht so ganz. Als nach einer beschissenen schlaflosen Nacht der Buschtaxifahrer-Mann wieder bei Blen eintraf, hatte er nur eine weitere Botschaft, aber nicht die Wirtin und ihre Tochter dabei. Der maitre nageur solle die Entführer und Erpresser nicht für blöde halten, und mal ganz schnell noch die beschwörende Formel dazuliefern, der die Heilkraft des Trankes aktiviere, denn ohne diese wäre ja das Rezept witz- und vor allem wirkungslos. Ausserdem wüsste man von der Ente hinterm Haus der Wirtin unter einer Plane, die sollte nun noch als Zugabe und Kompensation für diesen Verarschungs-Versuch von Dad dazugegeben werden. 

Das war dann der Moment, wo Verblüffung, Unglauben, Wut und Angst in meinem Dad kumulierten, und er erstmal den Buschfahrertaxi-Mann mit einem gezielten Schlag auf die Schnauze zu Boden streckte. Der fiel davon um wie ein nasser Sack, der vom Blitz getroffen wurde, anders kann ich das nicht beschreiben, denn mein Dad war ja kein geübter Schläger, und seine Schlagkraft und -technik auf jeden Fall den Hemmungen des ersten Mals unterworfen. Trotzdem ging der Buschtaxifahrer-Mann von diesem Klaps sofort zu Boden, so dass man hier also eher von einer Ohnmacht sprechen kann, in die er wohl vor lauter Zauber-Angst fiel, denn von einem K.O.-Schlag. 

Nach einer Sekunde der Besinnung, in der mein Vater seine Situation blitzschnell überdachte, zerrte er die armselige Figur in die Hütte der Wirtin, warf die Tür hinter sich zu und den Buschtaxifahrer-Mann aufs Bett, um ihn dort an Händen und Füssen festzubinden. Nachdem er ihn mittels eines scharfen Krauts (Nana-Minze) wieder ins Bewußtsein geholt hatte, erklärte Blen dem Buschtaxifahrer-Mann, es täte ihm leid, falls der da unschuldig sei und auch nur unter Zwang handele. Er habe auch kein Problem, seinen Citroen auszuliefern, wenn davon das Leben seiner Wirtin und ihrer Tochter abhinge. Allerdings und mit absoluter Sicherheit kann er nicht mit dem geforderten Zauberspruch dienen, weil es den einfach keinen gibt. Dieser Umstand mache die Geschichte wirklich problematisch, denn die Wirtin und ihre Tochter hätten nicht genug Zeit mehr, damit Blen einen Beweis der Wirkkraft seines Trunkes ganz ohne Zauberspruch antreten könne, sollten die beiden wirklich nun mittlerweile seit über drei Tagen ohne Nahrung und Wasser sein. Seiner Meinung nach sei es das Beste, wenn er den Entführern gegenübertritt und ihnen die Sache mit einfachen Worten erklären könnte, aber dazu müsse er wissen, wer sie sind und wo zu finden, was der Buschtaxifahrer-Mann also jetzt am besten sofort ausspucken sollte. Und falls der Buschtaxifahrer-Mann glaube, damit weiter hinter dem Busch halten zu können, würde Blen ihn hier, gefesselt an das Bett, einfach ertrinken lassen, denn so einen Zauber beherrsche er tatsächlich. Weil jetzt der Buschtaxifahrer-Mann nicht sofort auspackte trotz seiner Angst, konnte Blen nur von einem Mangel an Vorstellungskraft ausgehen, wie man auf dem Trocknen ertrinken könnte und vielleicht sollte man es als ein Zeichen der Zeit sehen, wenn heutzutage eine breite Allgemeinheit mit dem Begriff „Wasserfolter“ etwas anfangen kann, aber nicht ein Buschtaxifahrer-Mann im westlichen Afrika in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts … egal.

Als der Buschtaxifahrer es dann tatsächlich tat, also ertrinken nur durch ein nasses Tuch auf dem Gesicht, auf welches in Nasenhöhe ein feiner, aber steter Strahl Wassers fließt, wurde er schnell gesprächig, wie die Fachleute sagen. Jedenfalls redete der Mann und so bekam mein Dad heraus, wer hinter dem ganzen Schlamassel steckte: das war ein Cousin des toten Ehemannes der Wirtin, und der Cousin war der Polizist von Guiglo. Mein Dad verabschiedete sich von der Vorstellung, diese Sache irgendwie halbwegs offiziell lösen zu können, wenn die Dinge so standen und sah der Tatsache ins Auge, diesem Gangster-Polizisten in Guiglo Auge in Auge gegenübertreten zu müssen. Wie er dem Polizisten-Gangster-Cousin dann aber verklickern könnte, dass es keinen Zauberspruch gibt, nie gegeben hat und nie geben wird, der Trank aber trotzdem seine Wirkung tun werde, war ihm noch nicht ganz klar, also vielmehr nicht im geringsten. Aber auf dem Weg in dieses Kaff würde ihm schon eine Verklickerungsmethode einfallen, hoffte er, während er den Buschtaxifahrer-Mann nach der Torture wieder auf die Beine brachte, denn den brauchte er jetzt als Schofför. 

Es dauerte eine Weile, bis mein Dad den Buschtaxifahrer-Mann davon überzeugt hatte, ihn nach Guiglo zu kutschieren, und zwar jetzt auf der Stelle, und das ging nicht ohne noch mehr schwere Gewalt-Androhung. Der Typ war schließlich total verängstigt und fertig von all dem Geschehen, und wurde dadurch völlig lethargisch, so dass Dad ihn letztendlich ins Auto schieben und schubsen mußte. Ja, fair war das alles nicht, nee, natürlich nicht. Aber was sollte Blen tun stattdessen? Auf die naheliegende und souveräner klingende Idee, dem Buschtaxifahrer-Mann einfach einen Spruch zu geben für den Gangster-Entführer-Polizisten, also sowas wie „Hokuspokus, dreimal schwarzer Kater und verdammt!“, nur eben umständlicher eben, damit es auch nach was Beeindruckenden klingt, also dieser naheliegende Gedanke kam Paps erst, da waren sie schon unterwegs. 

Das war, als mein Dad wegen der krassen Schlagloch-Schaukelei aufgehört hatte, seinem Fahrer vom Rücksitz aus in bedrohlicher Weise eines der großen und ziemlich scharfen Küchenmesser aus dem Repertoire der Wirtin an den Hals zu halten, weil die Gefahr einfach zu groß war, dem Buschtaxifahrer-Mann deswegen damit aus Versehen die Kehle durchzuschneiden, und das Bild insgesamt lächerlich, fand Dad. Er lehnte sich zurück und entspannte sich etwas. Kurz danach fiel ihm auf, dass es eigentlich scheissegal sein müßte, was er diesem korrupten Polizisten als Zauberspruch auftischen würde, wo es doch sowieso keinen gab, der Trunk aber auf jeden Fall seine Wirkung hatte. Und obwohl die Lage insgesamt ja nicht so schön war, mußte Blen kichern über diese bisher übersehene Absurdität in dieser ohnehin absurden Situation. 

Übrigens schlug sich die doppelt motorisierte Wüsten-Ente ganz prächtig auf der zerfurchten Lehmpiste von Yamousoukro nach Guiglo, wie Buschtaxifahrer-Mann und Blen anerkennend feststellen konnten, und über diese schmale Brücke einer Gemeinsamkeit entstand dann auch sowas wie ein Gespräch zwischen den beiden. Der Buschtaxifahrer-Mann steckte tatsächlich in seiner ganz eigenen Klemme, die er auch noch in gewisser Weise selbst ausgelöst hatte, da er es gewesen war, der dem Gangster-Entführer-Polizisten ausführlich von Blen und dessen Tätigkeit als maitre nageur erzählt hatte, gutgemeinter Tratsch sozusagen. (Dem sich der Buschtaxifahrer-Mann aber nicht einfach entziehen konnte, dazu war  die Abhängigkeit via sozialer Rangfolge doch wieder zu groß.)

Richtig in die Bredoille geriet der Mann dann, als der korrupte Polizist ihn zwang, den Boten zu machen mit der Begründung, ansonsten werde ihm, dem Buschtaxifahrer-Mann, die Buschtaxifahrerei verhagelt, aber vor allem das Verschwinden der Wirtin und ihrer Tochter angehangen. Schließlich habe man die beiden zuletzt bei ihm im Buschtaxi gesehen, dafür gebe es Zeugen. Keine Zeugen allerdings gäbe es mehr, welche die Ankunft der Wirtin samt Tochter bei dem betrügerischen Gangster-Entführer-Polizisten-Schwiegercousin bestätigen könnten. So sah das also aus, und diesen Mann hatte Blen der Wasserfolter unterworfen – immerhin konnte trotz all des Stresses mein Vater nicht verhindern, sich deswegen nun enorm unbehaglich Schrägstrich ziemlich beschissen zu fühlen. So ist das eben mit schwarzer Magie, meistens geht sie nach hinten los, und immer bleibt etwas davon an einem selbst hängen. Als sie während einer Rast am Wegesrand zum undurchdringlich scheinenden Dickicht des Urwalds das krachende Donnern eines fallenden, weil verrotteten Baumriesen hörten, auf das sofort ein ohrenbetäubendes Gebrüll der Schimpansen als Antwort losging, schien es Blen der passende Kommentar des Schicksal auf diese von primitiver Gier und Dominanzverhalten geprägte Geschichte zu sein.

Dann kamen sie nach den vielen Stunden durchrüttelnder, -schüttelnder und schaukeligen Fahrt in Guiglo an, und Dad war rundum k.o. und viel zu fertig, um irgendwelche Emotionen reflekltieren zu könen. Er wollte diese Sache einfach nur schnell  durchziehen, dem kriminellen Cousin des toten Ehemannes der Wirtin seinen gewünschten Huzlibu-Spruch geben, seine Wirtin und ihre Tochter dafür in Empfang nehmen, dem Buschtaxifahrer-Mann eine Entschädigung für das angetane Leid anbieten und am besten dann sofort nach Yamoussoukro zurückkehren. Natürlich kam es völlig anders und das lief so. 

Als der korrupte Polizist sah, dass der Buschtaxifahrer-Mann nicht alleine nach Guiglo gekommen war, zog er seine Waffe und als er erfuhr, es hier mit dem maitre nageur persönlich zu tun zu haben, entsicherte er sie und richtete sie auf meinen Vater. Dabei zitterte aber seine Hand bzw. der ganze Arm dermaßen, es war nicht wirlich klar, ob er auf diese Weise Blen oder überhaupt was Relevantes treffen würde. Nichtsdestotrotz hielt er sich an dieser Pistole fest, auch als alle drei schon im Flur des Polizisten-Hauses standen. Da sich der Buschtaxifahrer-Mann ja von berufswegen auskannte, hatten er und Dad es geschafft, relativ ungesehen und von hinten herum bis an das gut gebaute und schick aussehende Häuschen des Polizisten von Guiglo zu gelangen, und es war dadurch so eine Art Überraschungsmoment entstanden, jetzt kein großer, aber immerhin einer, der für verängstigte Verblüffung auf Seiten des Polizisten ausreichte. Wären sie den Hauptweg in den Ort hinein und hindurch gefolgt, hätte sie ihr Gegner schon viel früher bemerkt, und genau in diese Richtung glotzend, bequem auf einem gemütlichen Stuhl mit einem Glas Whiskey in der Hand auf der Veranda sitzend, hatten sie den Polizisten-Gangster vorgefunden. 

Der war dann aufgesprungen aus seinem Stuhl, und hatte in dieser Bewegung seine Pistole aus dem Halfter gezogen mit der einen Hand, während er mit der anderen das Whiskey-Glas balancierte. Mit einem knapp bemessenen Wedeln der Pistole forderte er Blen und den Buschtaxifahrer-Mann auf, ins Haus zu gehen und folgte ihnen hinterdrein, nachdem er sein Glas auf der Armlehne seines Stuhls abgestellt hatte. Er machte einem belämmerten Eindruck, war aber eindeutig aggressiv drauf. Hier nun, in diesem Flur, verlangte der Polizist mit heiserer, aufgeregter Stimme zu wissen, wer Blen sei, mein Dad stellte sich vor, und der Bulle entsicherte die Waffe. Gut. Also eher nicht.

Also mein Dad versuchte mit erhobenen Armen und mit beruhigender Stimme dem korrupten Cop zu erklären, er gäbe ihm den Zauberspruch, wenn er dagegen zuerst sagen würde, wo die Frauen sich befänden, der Polizist wackelte mit der Knarre hin und her zwischen Buschtaxifahrer-Mann und meinem Vater und fluchte dabei: 

sie würden ja sehen, ob der Zauberer (Paps) auch einen Zauber habe, der ihn kugelfest mache, er solle hier mal jetzt lieber keinen Schadzauber ablassen, der Buschtaxifahrer-Mann aber könne sich warm anziehen, für diesen Fehler werde er büßen. Der Buschtaxifahrer-Mann beschimpfte den Polizisten mit erhobener Stimme, was der für hinterhältiges, korruptes, heimtückisches, herzloses aber vor allem feiges und gieriges Stück Scheisse sei und welcher Körperöffnung er am ehesten gleiche. Um der Sache Herr zu werden, schrie mein Vater dann mit gebieterischer Stimme, der Zauberspruch wäre „Hutzlibu“ und nun sollten sich mal alle wieder beruhigen, und wo, um des Universum Willen befänden sich die Wirtin und ihre Tochter(!!) … aber dieser Einsatz war komplett erfolglos, nein, er befeuerte das Chaos erst noch, der Tumult in dem Flur steigerte sich und machte diesen damit immer enger. Interessanterweise hatte der Buschtaxifahrer-Mann auf einmal das große und ziemlich scharfe Messer aus der Küche der Wirtin in der Hand und bedrohte damit jetzt seinerseits den Polizisten, mein Dad schrie mit erhobenen Armen Hutzlibu und der Entführer-Erpresser-Polizist wedelte aufgeregt mit der Pistole hin und her … das war dann der Moment, den mein Vater nutzte, und schnell hinter den Cop trat und dem von hinten einen Arm um den Hals legte und mit der anderen, freien Hand um den Polizisten herum nach dessen Waffe griff.

Das nun wiederum war der Moment, den der Buschtaxifahrer-Mann nutzte, um mit dem wirklich großen Messer einen Ausfall Richtung Polizist zu machen und dem dieses Küchengerät so nun einmal durch das Herz und den Körper zu rammen, so dass Dad von der Spitze in die Brust geritzt wurde. Dann riß der Buschtaxifahrer-Mann das Messer wieder aus dem Polizisten raus, worauf der zusammensackte, was wiederum die Würge-Wirkung von Blens Arm um den Polizisten-Hals verstärkte, weil er den Mann ja auf dieses Weise aufrecht hielt. Gurgelnd und keuchend und mit hervorquellenden Augen bog sich der Erpresser-Entführer-Polizist unter Blens Griff, Blen verlor dessen Hand mit der Pistole aus seiner Hand, und das war der Moment, da drückte der Bulle einfach in einer krampfartigen Bewegung gab und erwischte den vor ihm stehenden Buschtaxifahrer-Mann sauber in den Kopf, der davon explodierte in Form eines auseinanderplatzenden, roten Ballons.

Der Knall war unglaublich laut in diesem kleinen Flur, und mein Dad war erst mal taub davon, also er hatte so ein schrilles Tinitus-Geräusch in den Ohren toben, und wahrscheinlich auch deswegen kam ihm alles Folgende mehr filmi als echt vor. Vor Schreck hatte er den Polizisten losgelassen, der nun in dieser kreischenden Lautlosigkeit auf seine Knie fiel, während der kopflose Buschtaxifahrer-Mann-Körper an der Flurwand runterrutschte, die entsprechend breite Blutspur dunkel auf der geweissten Oberfläche hinter sich herziehend. Dann klappte der Oberkörper des Polizisten nach vorn, sein Hintern streckte sich in die Höh‘ und sein Kopf schlug ungebremst auf dem festgestampften Lehmboden auf, die Arme fielen schlaff daneben. Und nach einem letzten Moment des Verharrens in dieser unterwürfigen und mit Sicherheit ungewollten Pose verabschiedete sich auch der Entführer-Erpresser-Polizist aus seinem korrupten und regellosen Leben, indem sein Körper auf die Seite neben die Leiche des Buschtaxifahrer-Mannes, aus dem beständig offenbar alles Blut herausfloss, plumpste. 

Die Lache, vom stetigen Blutstrom aus dem Buschtaxifahrer-Mann gespeist, vergrößerte sich rasch zu einer ovalen Pfütze auf dem Boden des Flurs im Haus des Polizisten von Guiglo, der jetzt darin, also in der Lache, zusammen mit dem Buschtaxifahrer-Mann ein makabres Arrangement von sinnlosem Tod bildete, das auf bizarre Weise einer gewissen Ästhetik nicht entbehrte, fand Blen. Das war, als er langsam wieder was zu hören begann, und das lag daran, weil jemand mit fassungsloser, weinerlicher Stimme immer wieder „Hutzlibu“ rief, und es dauerte noch einen weiteren Moment bis er feststellte, dass er selbst es war, der hier schrie. 

Völlig klar, die Dinge waren krass aus dem Ruder gelaufen, einfach alles. Die Wahrscheinlichkeit, jemand würde die Story, wie sie wirklich ablief, ihm abkaufen, vor allem jemand Offizielles, stufte Blen als äußerst gering ein. Im besten Falle würde eine Befragung nur zurück zu den Ereignissen in Abidjan führen, die er nicht erklären konnte und die verschlossen in der virtuellen Erinnerungskapsel ruhten – nein, jene Geschichte würde seine Glaubwürdigkeit erst recht erschüttern, vorausgesetzt, jemand würde ihm die aktuelle überhaupt erstmal abnehmen. Wenn man in den Tod eines Polizisten verwickelt wird, reduziert sich die eigene Glaubwürdigkeit in fast allen Ländern auf dieser Welt erstmal automatisch auf fast Null, das ist wie ein universale Gesetzmäßigkeit in der menschlichen Soziologie. Vorsichtig trat mein Vater über all das Blut und Tod hinweg und drückte sich seitwärts aus dem Flur zur Tür auf die Terrasse heraus. 

Draussen empfing meinen Dad die Dunkelheit und das Konzert der Insekten. Die Strasse vor dem Haus war nur vom Mondlicht schwach erhellt, weiter weg standen Strassenlaternen, die funzelig in die Gegend leuchteten. Kein Mensch war zu sehen, niemand kümmerte sich oder gab jedenfalls vor, sich um den Krawall zu kümmern, der mit Sicherheit zu hören gewesen war. Die Nachbarschaft war mucksmäuschenstill. Es war das Haus des Polizisten von Guiglo, da mischte man sich nicht ein, wenn es hier mal laut wurde, ganz klar. Im Mondschein konnte mein Vater den bequemen Stuhl des Polizisten ausmachen und das Glas Whiskey, welches dieser bei Blens Ankunft und der des unglückseligen Buschtaxifahrer-Mannes auf der breiten Lehne des Stuhls abgestellt hatte. Das Glas war halbvoll und ohne weiter nachzudenken, nahm Dad es und trank es mit einem Zug aus. Der starke Alkohol wirkte sofort, und brannte die Surrealität aus der Situation. Und nur dank der Alkoholwirkung ertrug mein Vater die fürchterliche Pointe der Geschehnisse: mit dem Polizisten war die Information gestorben, wo sich die Wirtin und ihre Tochter befanden. Wenn sie sich nicht selbst irgendwie hatten befreien können, gab es kaum eine Möglichkeit, sie rechtzeitig zu retten.

Blen setzte sich auf den Boden der Veranda und wartete auf die Morgendämmerung. Falls er eingeschlafen sein sollte, hatte er es nicht bemerkt, aber auf einmal stand das Rot der aufgehenden Sonne am Horizont und Blen saß immer noch so da, wie er sich hingesetzt hatte, das leere Whiskey-Glass des nun toten Polizisten in der Hand. Er stellte es vorsichtig neben sich ab, stand auf, schüttelte und reckte die steifen Glieder, ging um das Polizisten-Haus herum, fand dort einen kleinen Schuppen aus Wellblech und darin neben anderen Werkzeug eine Machete, die nahm er sich. Weiter nahm er nichts, und so ausgerüstet verbrachte er den ganzen Tag damit, in einem großen Kreis um Guiglo herum systematisch den Urwald zu durchstreifen, bist zum Fluß und wieder zurück. Aber was bringt man an einem Tag schon zustande, alleine? Ohne zu trinken oder zu essen stapfte mein Vater trotz der Aussichtslosigkeit des Unterfangens bis zum Dunkelwerden durchs Gestrüpp und Unterholz und er fand nichts und niemanden. Dabei stelle Blen zwei Wilderer und ließ sie wieder gehen, nicht, weil die beiden nachvollziehbarerweise Schusswaffen dabeihatten und mein Dad das sprichwörtliche Messer, mit dem man nicht zu einer Schiesserei gehen sollte, also die Machete. Aber sie konnten ihm und er ihnen nicht helfen, auch wenn die beiden Dad eine Stelle im Wald nannten, von der sie wußten, dass sie dem Polizisten als „Geheimversteck“ diente. Als mein Vater nach dieser Stelle laut der Beschreibung der Wilderer suchte, fand er sie nicht, bzw. er fand Überreste einer Hütte, seit Jahren nicht genutzt und dem Verfall preisgegeben. Keine Spur von der Wirtin und ihrer Tochter.

Wer weiß, vielleicht hatte dieser nun tote, boshafte Vetter des toten Ehemannes der Wirtin sie und ihre Tochter gleich am Anfang umgebracht und irgendwo verscharrt, möglich war alles, fand Blen. Auch, wie gesagt, dass sie sich selbst befreit und irgendwie auf den Weg zurück nach Hause gemacht hatten, welches sie dann jedoch verlassen, verrammelt und verriegelt vorfinden würden, denn Blen hatte das Maquis der Wirtin in Yamoussoukro sorgfältig verschlossen, bevor er mit dem Buschtaxifahrer-Mann nach Guiglo losgefahren war. Mit diesen Gedanken beschäftigt, trat mein Vater aus dem Urwald heraus und nur die wieder einsetzende Dunkelheit der Nacht bewahrte ihn davor, dass er einem grimmig dreinblickenden Polizisten direkt in die Arme lief. So stockte sein Schritt rechtzeitig, und er blieb im Schatten verborgen, während auf dem Weg, der die Grenze zwischen Urwald und Städtchen zog, ein offener Polizeijeep langsam an meinem Vater vorbeifuhr, in welchem eben jener grimmig blickende Kerl am Steuer saß, und der musterte die Gegend, als suche er jemanden. 

Obwohl meinem Dad das Herz im Hals klopfte oder wahlweise auch in die Hose rutschte, hatte er doch erkennen können, dass es sich zwar um einen, aber nicht um den toten Polizisten von Guiglo handelte. Doch wo dieser eine war, waren noch viel mehr, wie Dad wenig später feststellen mußte, nämlich als er am Waldrand entlang und dann durch Felder auf das Haus des eigentlichen, jetzt aber toten Polizisten von Guiglo sich zugeschlichen hatte. Er war erschöpft und verzweifelt, aber was er nun sah und hörte, setzte wieder genug Adrenalin frei, um sein Bewußtsein hellwach zu machen. 

Das Haus des toten Polizisten von Guiglo wurde von allen vier Seiten von Autolampen angestrahlt, die es in helles Licht tauchten. Die Autolampen gehörten zu Polizeijeeps, und je ein Jeep leuchtete eine Hausseite an, und einer davon war der mit dem grimmig blickenden Polizeimann am Steuer. Blen konnte deutlich hören, wie im Haus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit andere Polizisten herumwirtschafteten, offenbar auf der Suche nach Hinweisen im Todes- bzw. klar erkennbar, im Mordfall Buschtaxifahrer-Mann/Polizist. Klar war offenbar ebenso, wie mein Vater ohne Probleme erlauschen konnte, dass da ein dritte Mann existierten sollte, der abgehauen war, also die Mörderei überlebt hat. Man wußte dies, weil es eine blutige Fußspur gab, die über die Terrasse, wo der Scheisskerl nach dem Töten in kaltblütiger Ruhe ein Glas Whiskey getrunken haben mußte, in den Garten zu einem kleinen Schuppen führte, und ab da sich allerdings in der Undeutlichkeit verlor. 

Dad kapierte schnell, mit dem „Scheisskerl“ war er gemeint, und ebenso bezog sich ein folgendes „Wir kriegen das Schwein, weit kann er nicht sein“ ganz sicher auch auf ihn. Soweit er den wütend klingenden Gesprächen der Kollegen des toten Polizisten von Guiglo folgen konnte, waren auch sie Polizisten von Guiglo, die sich am Morgen des Tages gewundert hatten, wo ihr Boss blieb, ab Mittag unruhig wurden, weil der immer noch nicht zum Dienst aufgetaucht war, und dann am Nachmittag mal nachsehen gingen, mit allem gebotenen Boss-Respekt natürlich. Auf diese Weise hatten sie dann die beiden Toten und Blens Fußspur gefunden, der wohl ohne es zu bemerken, in der Nacht in die Blutpfütze getreten sein mußte, als er sich da dünne gemacht hatte. Jedenfalls hatte diese Entdeckung erstmal zu einer mehr oder weniger spontanen und etwas kopflosen Razzia durch ganz Guiglo geführt, die aber keinen Erfolg gebracht, Blen steckte ja tief im Busch, und niemand konnte irgendwas sagen.

Niemand hatte sie gesehen, als sie am späten Abend des vorherigen Tages in Guiglo angekommen waren, weil der Buschtaxifahrer-Mann ja wie erwähnt, „von hinten rum“ zum Haus des Polizisten von Guiglo gefahren war. Die Jeep-Patrouille, in die Blen fast reingelaufen wäre, entpuppte sich demnach als einer dieser Ausläufer der Razzia, als man dabei war, die erfolglose Aktion abzubrechen und sich einen besseren Plan zu überlegen, der nicht ganz so aktionistisch war. Blen, mein Dad, der immer noch im Dunkeln in den stoppeligen Resten eines abgeernteten Fels dicht bei dem Polizisten-Haus lag, beschloss nach dem Gehörten, auf keinen Fall heraus ins Licht zu treten und den Polizisten-Kollegen seine Sicht, also einen Bericht über sein Erleben der ganzen Sache zwecks Aufklärung zu präsentieren. Wie er schon in der Nacht vermutet hatte, als er sich an dem Schlamassel vorbei aus dem Haus drückte, die Jungs da in und bei ihren Autos und mit ihren Waffen schienen schwer voreingenommen und ließen alle erforderliche professionelle Objektivität missen, während sie sich hauptsächlich darüber ereiferten, wer jetzt als neuer Boss in Frage kommen würde.

Die Klärung der Nachfolge dieser so unerwartet vakant gewordenen Position schien essentiell, bevor in vernünftiger Art weiter Polizei-Arbeit in Guiglo gemacht werden konnte, also zum Beispiel den aktuellen, blutigen Mordfall lösen. Oder nach zwei entführten Frauen, die irgendwo im wegelosen Busch versteckt waren und an Hunger und Durst starben, zu suchen. Oder dem einzigen und wichtigsten Zeugen zuzuhören, der ihnen detailiert den Mordvorgang hätte darlegen können, verbunden mit dem Hinweis, ihr nun toter Boss hätte sich des Kidnappings und wahrscheinlich des Todes von Verwandten schuldig gemacht, jedenfalls letzteres billigend in Kauf genommen, um in den alleinigen Besitz eines Heiltrankes mit Zauberformel zu kommen – also das die Polizei von Guiglo von einem Kriminellen angeführt würde, und was sagt das über seine Kollegen? Und dann hörte er auch raus, die Burschen hatten keinen Dunst, wer genau mein Dad war und anscheinend hatte ihre Razzia auf Grund ihres Kompetenzgerangels nicht zur Entdeckung seiner Ente geführt. 

Die stand unter ihrer verwitterten Plane, mehr zum Schutz gegen Tiere gespannt als um sie zu verstecken, ganz in der Nähe unter einem mächtigen Affenbrotbaum, noch genau so wie Dad und der Buschtaxifahrer-Mann sie am Abend zuvor verlassen hatte. Vorsichtig zog mein Vater die Plane ab, faltete sie zusammen, legte sie auf die Rückbank und setzte sich auf den Fahrersitz. Einen Moment später legte er die Hände ums Lenkrad, lehnte sich mit gestreckten Armen zurück und schloss die Augen. Er atmete die würzige Nachtluft in tiefen, langsamen Zügen ein. Er war müde, ausgelaugt und dreckig, sein Gesicht und seine Arme und Hände voller Schrammen, und nicht nur sein Schuh, auch seine Hose und sein Hemd waren voller großer dunkler Flecken, die wahrscheinlich alle vom Blut des Verbrecher-Polizisten und des Buschtaxifahrer-Mannes stammten, wie er kurz im Licht der Innenbeleuchtung der Ente gesehen hatte. Er hatte kurz an die beiden Wilderer, und was die wohl bei seinem Anlick gedacht hatten, gedacht. Dann hatte er aus Angst vor Entdeckung das Licht wieder ausgemacht. Er war auch unglaublich durstig und trank mit gierigen Schlucken den Rest des guten Wassers aus Yamoussoukro aus der Trinkflasche, die er auf der Rückbank fand und fast vergessen hätte. Dann lehnte er den Kopf gegen das Lenkrad und blieb eine Weile in dieser Haltung, nur auf die Ruhe der Nacht lauschend.

Die Ruhe der Nacht hörte sich friedlich an, und diese Friedlichkeit wiederum veranlasste meinen Vater plötzlich zu glauben, nach all dieser ungeheuerlichen Scheisse müßte auch mal wieder was Gutes passieren, ist doch zwingend, nach der Nacht kommt der Tag; also wie zum Beispiel, seine Wirtin und ihre Tochter haben sich befreien und nach Yamoussoukro durchschlagen können. Die beiden waren taff, hart im Nehmen, dass wußte mein Vater genau. Wenn jedoch seine Annahme mit dem Durchschlagen richtig war, dann wurde er in Yamoussoukro gebraucht und nicht in Guiglo. Alles ist immer möglich, oder nicht? Oder doch, darauf setzt jeder seine Hoffnung. 

Der Lärm, den die beiden anspringenden Motoren in der Stille der Nacht machten, ließ Blen kurz zusammenzucken, aber dann schaltete er entschlossen die Scheinwerfer der Ente ein und tuckerte vorsichtig, aber zügig los. Er fuhr den gleichen Weg aus der Stadt raus, den der Buschtaxifahrer-Mann rein genommen hatte, schließlich kannte er auch keinen anderen, aber so umging er die Polizisten-Kollegen am Haus des toten Polizisten von Guiglo. Dessen Leute hatten sich dann wohl doch auf wenigstens eine Maßnahme einigen können wie es aussah, und die bestand darin, die beiden jüngsten Kollegen, die mal definitiv gar keine Chance auf den Boss-Job hatten, an die einzige Brücke zu stellen, die über den Fluß zur Piste nach Yamoussoukro führte. Blen, der total aufs Fahren konzentriert war, sah sie erst im letzten Moment, und erschrak über ihr plötzliches Auftauchen im Lichtkegel der Scheinwerfer so heftig, dass er reflexartig aufs Gaspedal trat. Die Ente tat, als wolle sie losfliegen, die beiden Polizistenjünglinge stürzten rechts und links ins Dunkle weg, und dann donnerte mein Dad über die schmale Holzbrücke, schreiend mit weitaufgerissenen Augen das Lenkrad krampfhaft festhaltend.

In den endlosen Sekunden der Überfahrt glaubte er, jeden Moment aus der Spur zu kommen und über die Brückenplanken mit Vollgas in den Fluß zu segeln, der vor den Toren der Stadt Guiglo fließt. Aber weder trafen ihn die Kugeln der jungen Verbrecher-Polizist-Kollegen, die sie ihm nachjagten, noch knallte Paps in den Fluß. Vielmehr ballerte er, eine mächtige Staubwolke aufwirbelnd und hinter sich herziehend solange weiter, bis die Staubwolke ihn überholte und ihm somit komplett die Sicht nahm. Er wiederum nahm da erst den Fuß vom Gas, bremste, kam schaukelnd zum stehen und stieg aus, nachdem die Wolke sich gelegt hatte. Ein Rücklicht war zersprungen, aber Blen konnte nicht sehen, ob da ein Schuss doch was getroffen hatte, oder ob das ein Ergebnis seiner wilden Fahrt war. 

Niemand schien ihn zu verfolgen und die paar Lichter von Guiglo konnte er auch nicht mehr ausmachen. Aufatmend setzte er sich zurück ans Steuer. Als er sich in den Sitz sinken ließ, nahm er rechts von sich eine Bewegung wahr und sprang wie von der Tarantel gestochen hoch und stieß sich den Kopf am Dach. Davon sah er ein paar Sterne vor dem inneren Auge aufblitzen und machte deswegen fluchend die Innenbeleuchtung an, als er sich wieder beruhigt hatte. Dann guckte er wieder nach rechts, nur um bewegungslos und trocknen Auges in dieser Haltung zu erstarren. Auf den Beifahrersitz saß maitre Gwunho, und jolly, er sah echt mächtig angefressen aus.

Fortsetzung folgt.

 

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