Anfangsende

Na dann, was für eine Nummer: Blen Fitz Zeit in Abidjan war damit zu Ende; sehr dramatisch klingt das, würde ich mal sagen, wie BlenS Genitiv-S zerrieben und verzischt wird zwischen zweit Zetts als Kennzeichen für diesen Abschied. Aber so ist Leben eben, nunnemal und offenkundig.

Also. Leicht genervt von Paps Begriffsstutzigkeit wedelte Divoire Gwunho mit den Autoschlüsseln unter Blens Nase herum. Dabei sprach er mit kratziger Stimme, der maitre möge gefälligst seinen Hintern in seinen Wagen bewegen und dann so schnell wie möglich aus der Stadt verduften, denn wie gerade gesehen und erlebt, das Pflaster sei heiß. Das war jedoch alles leichter gesagt als getan oder gar verstanden, denn maitre Gwunhos Krächzerei stellte Antworten zu Fragen in den Raum, die sich gerade erst in Blens Kopf zu bilden begannen; also als da wären: … mein Auto? Allein? Der maitre nicht dabei?? Warum nicht?? Gehört mir darum das Auto? Aber das gehört doch dem maitre!? Bin ich etwa jetzt maitre?? Aber der maitre ist doch der maitre! Oder sind wir jetzt 2 maitres?? Aber wir haben nur einen 2CV! Gut, nein, da passen locker auch zwei maitre rein, wo der maitre doch kein Gepäck dabei hat. Wieso aber hat der maitre kein Gepäck dabei? Kommt er etwa nicht mit?? Warum kommt der maitre nicht mit?? Soll ich jetzt allein … und wieso mein Auto?? Bin ich jetzt etwa der PENG (!!!)…

… – ein roter Schleier zuckte kurz auf vor Blens Augen und stoppte die hysterische Endlos-Schleife, in die sein Denkapparat zu fallen drohte. Gleichzeitig machte sich ein brennendes, feuchtwarmes Gefühl auf seiner linken Wange breit. Das kam alles von der Ohrfeige, die maitre Gwunho maitre Fitz mit links verpasst hatte, während er mit der rechten weiterhin die Autoschlüssel unter Blens Nase hielt. Du hast keine Zeit für Psycho-Kinkerlitzchen, Blen, krächzte maitre D.G. streng, du musst jetzt los. Dein Weg sollte dich in Zukunft in Richtung aufgehende Sonne führen. Hast du verstanden, Blen?

Nein, hatte Dad nicht. Aufgehende Sonne? (mit gerunzelter Stirn und Mund halboffen). Genau dort, wo beim Menschen das Herz sitzt, wurde nach maitre G.s Ohrfeige auf dessen schneeweißen grand boubou ein blutroter Fleck sichtbar, der aufging wie die Blüte einer Blume beim ersten Sonnenstrahl eines neuen Tages – jedenfalls jetzt, nachdem maitre Gwunho nicht mehr seine Hand drauf presste. Das war die Blume des Todes, folgerte Dad richtig, brachte es aber nicht in Zusammenhang mit der Existenz des Divoire Gwunho. Der maitre hatte vorhin also doch eine Kugel abekommen, schon klar, und zwar direkt ins Herz, wie’s aussah, ja na und? Bei der Menge an Schüssen und Salven, die die gedungenen Banditen auf sie abgegeben hatten, war letzten Endes ein Treffer mal sicher nicht verwunderlich, oder, richtig, verdammt. Von Rechts wegen hätten sie beide zersiebt sein müssen wie irgendwas mit vielen Löchern, wo eins davon doch schon reicht, sitzt es nur an der richtigen Stelle. Im Kopf etwa, oder in einer der beiden Oberschenkelarterien, die kann man nämlich gar nicht abbinden, genausowenig wie ein Loch im Herz, so wie bei maitre Gwunho. Den sich daraus zwangsläufig ergebenden Schluss blockierte Blens Hirn weiterhin, was umso leichter war, alldieweil Diviore Gwunho immer noch energisch mit den Schlüsseln klappernd, vor ihm stand. Vielmehr ging meinem Vater seltsam sinnlos und ganz wie unbeteiligt durch den Kopf, dass dieses aufreizende Schlüssel-Geklappere unter seiner Nase von maitre G. nur deswegen veranstaltet werden konnte, weil der 2CV zwei Schlüssel für seine beiden Motoren brauchte, einen vorne und einen hinten, Allradantrieb auf französisch, ohne Scheiß, wüstentauglich die Ente. Die folgende lähmende Leere in Blens Hirn nutzte Divoire Gwunho, um meinen Vater mit kurzen, präzisen Kommandos zu dirigieren. „Steig endlich ein“ sagte der alte Mann, und „Starte die Motoren.“ In deren Leerlaufgebrabbel hinein kam das letzte Kommando: „Mit dem Segen aller Ahnen – lege den Gang ein und fahr los.“ Und Blen tat wie ihm geheißen ward.

Der Tag brach zwischen den Häusern hervor und die ersten Vögel lösten die Stille der Nacht ab. Diese frühfrühmorgendliche Atmosphäre erinnerte Blen an den Morgen, als der maitre ihn für maitre-anwärter-würdig befunden, jenen Tag, an dem seine Ausbildung begann, und ihn Gwunho die ganze Nacht zuvor durch die Poolanlage gejagt hatte, um Schäden zu reparieren. (KolanussII). Die Straße war zu dieser Stunde völlig leer bis auf einen streunenden Hund, der meinem Vater mit trocknem und starrem Blick regungslos hinterhersah als wüsste er genau, was gerade so lief. Vor Dads innerem Auge liefen gerade die Ereignisse der vergangenen Nacht ab, und er verstand natürlich auf rationaler Ebene maitre Gwundhos Handlungsweise. Irgendjemanden waren sie in die Quere gekommen. Irgendjemand wollte sie aus dem Weg räumen. Irgendjemand wollte sie tot sehen auf Grund maitre Gwunhos Macht und Autorität. Und dieser Irgendjemand würde sicher auch nicht zögern, dem designierten Nachfolger wegen dessen maitre-ness nach dem Leben zu trachten. Zumal der Nachfolger (Blen) nahtlos das maitre-Werk fortsetzen täte, dazu hatte sich mein Vater ja schließlich durch Wort und Kult verpflichtet. Allerdings war dieser Irgendjemand auch materialistisch genug, auf die kinetische Energie von aus Gewehren und Pistolen abgefeuerten Kugeln und Patronen zu setzen statt auf Zaubersprüche und dergleichen. Vor allem, Blens Überleben dabei war bis jetzt nur der Geistesgegenwart Gwunhos und seines erstaunlichen, sehr sehr unvermuteten Stunt-Fahrer-Könnens zu verdanken, das war eindeutig anders geplant gewesen von den Halunken.

Diese Tatsachen erschütterten meinen Vater zutiefst und erschwerten ihm ungemein den Zugang zu jenem rationale-Ebene-Verstehen. Um endlich wieder einen bademeistermäßigen Überblick über die gesamte Situation zu bekommen, startete Dad den Versuch, die Dinge mal in umgekehrter Reihenfolge zu betrachten. Fangen wir also damit an: der maitre verblutete gerade an einem Schuss ins Herz. Abrupt trat mein Vater auf die Bremse und brachte den Wagen quietschend zum Halten. Wo eben noch verständnislose Panik durch seinen Körper summte, machte sich plötzliche Klarheit breit, die mit eisiger Klaue nach seinem Herz griff, um mit scharfen Nägeln tief hineinzufahren. Er wendete den Wagen fast auf der Stelle, raste die Straße mit fliegenden Händen zurück bis hin zu dem kleinen Nebeneingang des Hotels, stoppte, sprang aus dem 2CV mit zwei Motoren, der ihm gehörte und trommelte heftig an die Hintertür, den Namen des maitres rufend. Nach einer Weile öffnete sich in der Tür eine kleine, vergitterte Klappe in Augenhöhe und eine verschlafene Stimme fragte abweisend nach Blens Begehr. „Der maitre, der maitre, wie geht es ihm??! Ist er tot???“ schrie mein Vater in das Guckloch, worauf er zur Antwort bekam, hier gäbe es keinen maitre, er solle gefälligst nicht rumbrüllen und mal bitte verschwinden, aber bisschen PLÖTZLICH, sonst hole man POLIZEI, wie kann man denn AM FRÜHEN MORGEN SCHON SO BESOFFEN, UNGLAUBLICH sein. Dann knallte die kleine Klappe mit einem scharfen Knall wieder zu. Was? … WAS!??

Die Welt drehte sich für einen kleinen Augenblick schneller, um dann unvermittelt stehen zu bleiben. Kalter Schweiß perlte auf Blens Stirn. Dann knickten ihm die Knie ein und er fiel mit dem Gesicht voran in den Staub der Straße. Da lag er eine Weile gedanken- und kraftlos und ohne weitere Erkenntnis, aber nur so lange, bis die Welt aufhörte verrückt zu spielen. Letzteres erkannte er zum Beispiel an dem schneidenen Schmerz, den er am Sternum spürte, wo die Ränder seines Kolanuss-Amuletts ins Fleisch schnitten. Irgendwo in der Nähe, aber nicht im Hotel, wurde ein Fenster quietschend aufgestoßen, aus dem dann gutgelaunte Radiomusik verströmte wie der Geruch frischer Bettwäsche. Blen kannte diese Straße genau, er war sie unzählige Male entlanggegangen auf seinem Weg zum Kräutermarkt. Wenn er in seiner Position den Hals ein wenig überstreckte, konnte er das verbrannte Straßenkreuzer-Wrack sehen. Wenn er den Kopf zur anderen Seite drehte, stand da seine Ente mit ihren zwei tuckernden Motoren. Wenn er aufstehen würde und nachsehen, fände er dort sein Das Buch und all seinen anderen Kram aus der Zeit hier in Abidjan. Also stand er schwerfällig auf, eins nach dem anderen, und entdeckte dabei am anderen Ende der Gasse einen Typen. Der andere Typ trug langen Mantel, Sonnenbrille und Hut, lehnte lässig an einer Hauswand, rauchte eine Zigarette und starrte in Richtung meines Vaters. Noch während Blen sich wunderte, wie man in diesem Klima einen so schweren Ledermantel tragen konnte, die drückende Tageshitze begann sich ja jetzt schon bemerkbar zu machen, warf der Typ die Kippe auf den Boden, trat sie gründlich und für den Geschmack meines Vaters etwas zu plakativ aus, um dann mit zügigem Schritt auf ihn zuzukommen. Meinem Dad war eigentlich ziemlich egal, wer das jetzt schon wieder sein könnte, aber er erzeugte auf jeden Fall ein genügend großes Bedrohungszenario, so dass Paps, ohne sich den Staub von den Sachen zu klopfen, hastig in die Ente stieg, die Tür zuschlug und mit knirschendem Getriebe die Gänge einlegte.

Was auch immer mit dem maitre passiert war, was auch immer sich hier gerade abspielte, dies war offenbar weder der Ort noch die Zeit für irgendwelche Erklärungen. Im Rückspiegel sah er, wie der Typ trotz seines unheimlichen Mantels jetzt ohne jeden Zweifel hinter ihm her und dem Auto nachrannte. Er hielt den rechten Arm ausgestreckt auf die Ente gerichtet und da Dad nicht herausfinden wollte, ob da doch nur ein Zeigefinger in schwarzem Handschuh auf ihn zielte oder der Lauf einer Pistole, gab er Vollgas. Die Beschleunigung ließ sein Geraffel auf dem Rücksitz scheppern und klappern und das Fahrzeug schleuderte. Aber ganz maitre-like gewann Dad schnell die Kontrolle über die ganze Sache zurück und flitzte davon, weg von der kleinen Straße, raus aus dem Viertel, rauf auf den Boulevard de Gaulle. Dort in der Gegend setzte auch wieder seine Atmung ein, so dass er sich in den aufkommenden Verkehr einfädeln konnte. Ruhig mit dem Strom fließend, kam er an der Stelle vorbei, wo später ein Papst den ersten Stein für die Skt. Pauls Kathedrale setzen würde, das Gebäude ist pure Postfuturistik, total abgefahren. Aber zu dieser Zeit war da noch nix, also fuhr mein Dad dran vorbei wie an allem anderen auch. Niemand verfolgte ihn, wovon er sich mit von Zeit zu Zeit nach hinten geworfenen Blicken überzeugen konnte, und er folgte jetzt einfach weiter der Strasse. Die hatte sich jetzt in die l’autoroute d’un N verwandelte und führte Richtung Norden, statt nach Osten, wie vom maitre empfohlen. Der Fahrtwind wehte meinem Dad ins Gesicht und kühlte die Gedanken runter.

Le-maitre-nageur-werden hatte er sich anders vorgestellt – glamouröser auf jeden Fall, jedenfalls bestimmt nicht als wilde Flucht vor bezahlten Banditen, und ganz gewiss nicht so surreal. Alles in allem aber hatte Dad bisher nur angenommen, es gäbe so etwas wie einen feierlichen Moment, vielleicht sogar eine Art Meisterfeier, womöglich mit Urkunde, Glückwünschen und Händeschütteln; oder ein geheimes Initiations-Ritual, am besten bei nächtlichem Feuer an einem geheimnisvollen Ort. Doch eine genaue Vorstellung von dem Prozedere der Meister-Ernennung hatte er nicht und maitre Gwunho hatte darüber nie ein Wort verloren. Dad hatte eine Menge Ahnung von dem Wissen, was der maitre ihm vermittelt hatte. Er besaß jetzt die Insignie seines maitre-Seins, wenn er sie auch auf recht verstörende Art erhalten hatte; also neben dem ganzen Wissens-Gedöns das Kolanuss-Amulett, dazu noch sein Das Buch und dieses Auto – ein maitre rundherum, äußerlich. Übergangslos rumpelten die Räder seines maitre-Gefährts am Stadtrand Abidjans von asphaltierter Strasse auf eine Busch- und Savanenpiste, so dass sich Dad erstmal wieder aufs Fahren konzentrieren musste. Vielleicht, dachte Paps später bei einer Pause weiter, als er den ersten Platten hatte und das Rad wechselte, vielleicht lag er ja mit seinen unformulierten Vermutungen völlig falsch. Vielleicht war ja der Ablauf der Dinge in der vergangenen Nacht tatsächlich die Art und Weise, wie man maitre nageur wurde.* Auf die letzte Grundsätzlichkeit gebracht, hatte er eigentlich zeitlich nur sehr komprimiert erlebt, was jeder Schüler mit seinem Meister erlebt – der Meister geht und überlässt seinem Schüler das Feld, und ob der nun darauf gefasst war, spielt vor der Geschichte keine Rolle. Jede Bindung trägt die Möglichkeit des Verlusts in sich. Niemand entgeht diesem Mysterium, es gab kein Entrinnen, und darüber zu klagen wäre einfach sinnlos. Dann gab er dem 2CV ein paar aufmunternde, ermutigende Worte und setzte sich wieder hinters Steuer.

Die Landstraße führte vorbei an ärmlichen Lehmdörfern, vollbepackten Buschtaxis, Eselskarren und einsamen Wanderern, die Körbe voll mit Holz oder Maniok auf dem Kopf trugen. Wenn mein Dad so tat, als lägen die Ereignisse der Nacht schon Jahre hinter ihm, stellte sich sogar ein zaghaftes Gefühl von Frei-sein-hey-alles-geht ein. Bei einer weiteren Reifenpanne, als er darauf wartete, das der Kleber den Gummiflicken mit dem Schlauch verschmolz, beschloss er, oben genannten Zeitraum erst einmal im Detail unbetrachtet zu lassen. Es gab ein klar abgegrenztes Davor und ein bisher nicht ganz so klar abgetrenntes Danach, aber das würde er schon noch feststellen. Die klare Danach-Grenze fand er ungefähr 3 und eine halbe Stunde konzentrierten Fahrens später auf dem, was heute die Autobahn A3 ist, nämlich, als er am Stadtrand von Yamoussoukr ankam. Heute ist Yamoussoukr die nominelle Haupststadt des States Cote d‘ Ivoire, damals war es einfach nur ein Kaff, entstanden aus einem französischen Militärposten, den die Kolonial-Herren auf dem Grund des vormaligen Dorfes N’Gokro errichtet hatten. Wobei die Nachsilbe -kro Stadt bedeutet, nicht Dorf, also die dort ansässigen Baoulé einen ganz anderen Blick auf ihre Siedlung hatten als die im 19. Jahrhundert eindringenden Franzosen. Als mein Vater dort eintraf, war es auf jeden Fall schon lange kein Dorf mehr und auch keine kleine Stadt, aber auch noch lange nicht das, was Houphout-Boigny ab 1965 daraus dann machte. Was eigentlich eine Geschichte für sich samt Geisterstadt im Dschungel ist, hier aber und für meinen Dad so überhaupt gar keine Rolle spielt, also bleibt das außen vor.

In Yamoussoukr setzte Paps sich als erstes in ein Maquis am Straßenrand und ließ sich eine Portion Alloko bringen, diese Chips aus fritierten Kochbananen, die er auch immer mit maitre Gwunho gegessen hatte. Er frühstückte ausgiebig, wozu er die Bananenstücke in verschiedene Soßen und Pasten tauchte und achtete dabei nur auf den Geschmack und das krosse Krachen in seinem Mund. Zwischendurch spülte er mit gutem, schwarzen Tee aus einer großen Kanne nach, er war verdammt hungrig und durstig.

Als er satt war, sammelte er sich einige Augenblicke. Dann nahm er dieses nun in sich geschlossene Kontinuum der letzten dreizehn Stunden, verpackte es in eine virtuelle und emotional neutrale Gedächtnis-Kapsel, indem er das in diesem Zeitraum Geschehene in sein Das Buch eintrug, also wie es sich aus seiner Sicht abgespielt hatte. Dann blätterte er diese Seite um und betrachtete das nächste leere Blatt Papier vor sich. Dann blickte er auf und sah in den Himmel, der sich blau über ihm spannte. Alles ist immer möglich.

* Nein übrigensFortsetzung folgt.

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