Kräuter en masse

Ok. Jetzt sind wir also bei dem ganzen Kräuterkram. Nicht so mein Ding. Ich bin ein großer Naturfan, auf jeden und keine Frage. Bäume haben dunkle oder helle Stämme, grüne Blätter oder Nadeln und rauschen im Wind, Blumen sind bunt, Korn ist gelb, Reis ist weiß, schwarz oder braun, Rüben stecken in der Erde. Dann gibt es da noch eine Menge mehr botanisches, florales Zeug, aber wie gesagt, da hab ich gar keine Ader für. Was nicht heißt, dass ich mich nicht auskenne, wenn ihr versteht, was ich meine. Es gehört einfach dazu und man kann es lernen. Ich bin nur sehr froh, dass ich es auf andere Weise habe tun können, als Dad es hat tun müssen.

Nachdem der maitre Pap beim Händlervolk des Kräutermarktes eingeführt und bekannt gemacht hatte, wurde er jeden Tag früh losgeschickt, um ein oder mehrere Kräuter, Blüten, Wurzeln, Kerne, Früchte, Blätter oder manchmal ein Extrakt davon, einzukaufen. Ein jedes hatte ihm maitre G. am Abend zuvor gezeigt, auf Besonderheiten im Aussehen, im Geruch oder in der Konsistenz hingewiesen und dann seine Anwendung erklärt, wofür, wogegen und so weiter. Dann bekam mein Dad den Namen des Händlers oder den Stand genannt, an welchem er les fines herbes erstehen konnte und am nächsten Morgen hieß es sich genau zu erinnern, denn Kräuter können einander wahnsinnig ähneln und doch völlig verschieden sein. Aber was red ich in Zeiten, wo viele Leutkis Zucker und Salz nur noch am Geschmack auseinander halten können! … Nach einiger Wochen begann mein Vater rumzumaulen, dass das alles ganz schön fett sei und ob mans nicht etwas lockerer angehen könnte. Hätte ja auch niemand was von, wenn er jetzt all die ganzen Pflanzen und Essenzen durcheinanderbringe und später mit dem Durcheinander in seinem Kopf nur Pfusch am Kranken betreiben würde.

Um meinem Vater frisch zu motivieren, erklärte ihm der maitre, dass es in Afrika und in seinem persönlichen Repertoire über 4000 Heilkräuter, -erden, -pflanzen usw. gäbe und Blen in den sieben Jahren gerade etwas um die 1500 kennenlernen würde, schon rein rechnerisch und gutwillig, jedenfalls ohne Ausfallzeiten wie gerade geschehen, gedacht, und dann gäbe es ja noch einiges mehr neben den fines herbes. Diese aber gäben ein solides Fundament, auf welches Dad sein weiteres Wissen bauen könne, so hoffe der maitre; abgesehen davon, auslernen werde Blen bis ans Ende nicht, da gehe es dem maitre ganz genauso und anders wäre ja noch schöner, was wie?

Das war pädagogisch jetzt nicht so der richtige Dreh, um einen jungen Schüler vor der Verzweiflung zu bewahren, die diesen unweigerlich befällt, wenn er denn endlich kapiert, was allein die monatliche Wissens-Dosis bedeutet. Darum erzählte Gwunho Blen von den Mönchen im Lande Tibet im Himalaja-Gebirge. Die erlernen dort auf einem Berg, den sie den Eisernen nennen, 25 Jahre lang Heilpflanzen und dergleichen, ehe sie eine Prüfung darüber ablegen dürfen. 25 Jahre! Allein die Studienzeit kommt zwei Hundeleben gleich! … Jedenfalls wäre es ihm so in Asien in Vietnam so erzählt worden, selbst gesehen habe er ihn nie, jenen eisernen Berg. Aber einen Bruder habe er kennengelernt dort, der sagte, er käme vom Tomur, was ja auf uigurisch Eiserner bedeute, aber dieser Berg liege gar nicht in Tibet, sondern im Xinjiang-Gebirge murmelte der maitre …

Was haben denn jetzt Hunde mit Bademeisterei zu tun, fragte mein Dad verdutzt. Gar nichts natürlich, schrie maitre G. aus seinen Gedanken geschreckt und über die Verstocktheit seines Schülers außer sich, außer du willst aus ihren Eingeweiden eine Diagnose lesen! Aber dazu müsstest du einem den Wanst bei lebendigen Leibe aufschneiden, und das sei nun ganz finstere schwarze Magie und jedem maitre nageur somit strikt verboten! Ansonsten sollte das Beispiel nur zeigen, dass Blen in relativ kurzer Zeit relativ viel lernen werde, d’accord?? Und wieso studieren die da so lange auf ihrem Berg? fragte Pap mit interessierter Miene, die werden ja kaum dümmer sein als wir hier in Afrika. Der maitre schwor sich insgeheim, in Zukunft solche Vergleiche einfach zu lassen.

Vielleicht sind es heute nicht mehr 25 Jahre und vielleicht studieren die gar nicht auf einem Berg, lenkte er ein. Aber während wir Bademeister, Bader, maitre nageurs ecettera ezettera uns auf den Umgang mit Wasser in all seinen Anwendungsformen und begleitenden Maßnahmen spezialisiert haben, sind diese dort Spezialisten im Umgang mit Nadeln … Voodoo, alles klar, rief mein Dad. Finde ich übrigens bisschen unheimlich hier, so mit den Puppen und so, meine Zieheltern haben mich eher christlich erzogen, Ostafrika, Eritrea, Äthiopien, wissen schon … . Bis der maitre sich wieder beruhigt hatte, atmete er erst mal ein paar Minuten sehr bewusst. Nein, weiß ich nicht, sagte er und: Ist ein Löwe eine Raubkatze? fragte er dann. Na klar, was denn sonst, kams lässig von meinem Vater. Und ein Leopard ist auch eine Raubkatze, stimmts – aber nur ein ausgemachter Dummkopf oder, gottbewahre, ein klugscheißender Schüler käme auf die Idee, einen Leoparden für einen Löwen zu halten, oder? stocherte maitre G. mit seinem Zeigerfinger vor der Nase meines Dads in der Luft rum und fand die Sache mit den Vergleichen nun wieder ganz haltbar. Natürlich gehe es im Voodoo auch vor allem um Heilung, wenn Nadeln und Puppen zum Einsatz kommen, aber das Prinzip beruhe auf dem der Analogie. Ganz anders als in Asien, wo die Nadeln direkt in den menschlichen Körper gesteckt werden, um ohne Umweg die heilende Energie zu stimulieren. Manche leidenden Ratsuchenden dort sähen aus wie Stachelschweine während ihrer Behandlung, wegen der vielen Nadeln. Das könne er jetzt aber bestätigen aus eigner Ansicht, das habe er während seiner Zeit in Vietnam gesehen. Er, der maitre, war da befreundet mit einem jungen Heiler namens Dao Kim Long, parbleu(!), dass waren Zeiten! Und offenbar spontan überwältigt von seinen Erinnerungen, starrte er mit einem Grinsen im Gesicht vor sich hin. Dann registrierte er, dass mein Dad ihn anstarrte. Einen Moment lang starrten sie sich beide an. Dann musste Pap zwinkern, weil ihm die Augen trocken wurden. Was?? knarzte der maitre befriedigt über den Zwinker-Sieg. Du glaubst mir nicht? Wozu sollte es gut sein, wenn man Schmerzen hat, sich Schmerzen zuzufügen, indem man sich mit Nadeln sticht? fragte Dad kopfschüttelnd.

Portraits_of_the_mind

Wozu sollte es gut sein, in eine Puppe zu stechen, wenn man Schmerzen hat? fragte maitre Gwunho zurück. Beide Male geht es um Lenkung von Energieflüssen, Blockaden lösen oder umgekehrt, Energien zu blockieren. Um auf seinen äußerst gelungenen Vergleich zurückzukommen, Raubkatzen. Aber während im Voodoo davon ausgegangen wird, ein Symbol besitze die gleiche Energie wie etwas, was es symbolisiert, und man darum an jenem Symbol die Kräfte manipuliert, hat man in der asiatischen Nadeltherapie ein völlig anderes Gedankengebäude betreffs jener Energien und ihrer Steuerung. Es klingt sicher barbarischer als die Methodik des Voodoos, was es aber nicht sei, das könne er Blen versichern. Und während es im Voodoo in manchen Fällen ja gerade darauf ankäme, vor den Augen des Hilfesuchenden die Nadel mit aller Macht in die Puppe zu dreschen, werden sie bei den Asiaten nicht mal sehr tief in den Menschen gesteckt. Das korrekte Platzieren wiederum ist eine echt knifflige Sache, kann schnell schiefgehen und bedarf eben jahrelanger Übung, ansonsten ist das Ganze einfach eine Luftnummer. Oder um das mal aus bademeisterlicher Sicht zu fokusieren: Voodoo ist eine Art indirekte, sozusagen abstrakte Massage von Druckpunktsymbolen, während die Nadeltherapie eine besonders verfeinerte Art der physischen Massage eben jener Druckpunkte des Menschen darstellt. Oder um in seinem eigenen, prachvollen Vergleich zu bleiben, Leoparden und Löwen gewissermaßen und nur wenig anders, was auch ein maitre nageur für seine Massage-Praxis benutzt. Wobei ihm jetzt aber nicht einfällt, welche Raubkatzenart er nun der Bademeisterei zuordnen würde, was ihn dazu bringt, die Vergleicherei doch wohl lieber zu lassen. …

Solche Art Gespräche führten mein Dad und maitre Gwunho im Morgengrauen, während Pap die Pools der größten Poolanlage in Afrika checkte, ob sie auch piccobello gesäubert waren. Der Hotelkomplex lag da in tiefe Ruhe getaucht. Das Licht war noch ganz blau und die ersten Vögel zwitscherten. Dann tranken sie einen starken Kaffee und knabberten alloko, was fritierte Kochbananen sind, die man in eine scharfe Soße tunkt. Danach teilte mein Dad seinen Leuten die Arbeit zu und dann jagte maitre G. ihn zum Kräutermarkt. Um also mit dem Informationsfluss seitens des maitre zurechtzukommen, begann mein Vater aufzuschreiben, was der alte Gwunho jeden Abend und wie man sehen konnte, auch gerne morgens von sich gab. Solche Dinge aufzuschreiben war keine Tradition in Afrika, aber sowas kratzte Dad nun herzlich wenig und der maitre war begeistert. Was aber damals Ende der 1950iger / Anfang der 1960iger Jahre wirklich gefährlich war, war die Verfolgung dieses Wissens als rückständiger Aberglaube, Hexerei und Magie durch die Kolonialherren. Solange es als wellness bzw. bien-être faktisch diskreditiert werden konnte, drückte man im kleinen Kreis wie der Hotelleitung ein Auge zu. Hätte der maitre den heilenden Aspekt seiner Tätigkeit in den Vordergrund gestellt, wäre er erst ausgelacht und dann in den Knast gesteckt worden.

Es dauerte eine Weile, bis Paps die richtige Form für seine Aufzeichnungen fand, doch am Ende entstand daraus Blens Konvolut. So hat es meine Mom genannt. Für meinen Vater war es einfach „das Buch“, obwohl es erst ein richtiges wurde, weil es meine Mom hat binden lassen. Bis zu Dads Tod wuchs es stetig und füllte sich mit Informationen zu tausenden Kräutern und Dingen der Bademeisterei. Meine Mom  bewahrte es viele Jahre, um Paps Vermächtnis an Tzega und mich weiterzugeben. Tzega brachte es auf ihren Weg in die Wissenschaft. Mich lehrte es, zu erkennen, dass es mehr gibt, als sich mit den vorhandenen Mitteln erklären lässt. In der Unendlichkeit sind alle Möglichkeiten enthalten, und ganz ohne Zweifel, eine davon sind der Turmspringer und ich.

Danke, Paps. Hätte ich ohne dein „das Buch“ niemals verstanden.

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

 

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