Kräuter- und andere Kunde

Also gehe ich gar nicht mehr weiter ein auf was-wäre-wenn, denn so wars nie, wirds nie sein und komme zurück in die Realität, also in die damalige meines Vaters. Die sah dem Anschein zum Trug übel aus. Uh, schon wieder, nach allem was so lief, liefs doch jetzt mal gut. Der Alltag ist ein fein tariertes Gleichgewicht, welches schnell aus dem Lot kommen kann, Leute, so siehts aus.

Erinnern wir uns: Paps hatte, als er in Abidjan ankam, ordentlich von seinem Dampfer abgemustert, nachweisbar in seiner Heueragency. Aber es gibt da ein Leck in der Erinnerung, über das, was eigentlich passierte, nicht wahr, nachdem mein Dad das Heuerbüro passiert hatte. Das, was da geschah, wird auch weiter im Koma des Traums verborgen bleiben, nur hatte mein Vater dabei so einen wesentlichen Schritt bei Einreise in ein fremdes Land, in diesem Fall Elfenbeinküste, ausgelassen. Er besaß kein Visum, keine Aufenthalts- und keine Arbeitserlaubnis, rein gar nichts in der Richtung, er war illegal. Als es herauskam, bekam maitre Gwunho einen Riesen-Schreck und regelte den Scheiß. Aber auch der großmächtige Meister konnte nicht die Arbeit der Bürokratie, in diesem Fall die der französischen Kolonial-Verwaltung, beschleunigen; Bürokratie ist ein extrem starkes Voodoo, bis heute kein Kraut gegen gewachsen. Paps zu diesem Zeitpunkt immer noch illegaler Status führte jetzt dazu, dass ihn kein Hospital aufnahm, als er plötzlich eines Tages krank wurde und darum gehts. Nichts exotisches wie Pest, Marburg, Lassa, Hanta, Dengue, Ebola, Krim-Kongo, Malaria, Meningokokken-Sepsis, Rickettsiose oder Leptospirose – auch wenn alle ebenso beginnen: erst matt, dann schlapp, dann dicker Kopp, gefolgt von heiß und kalt, Fieber und Schüttelfrost, garniert mit Rotze, Kotze und Geschlotze. Sind letzere drei rot von Blut, ist das Fieber ein hämorrhagisches und der Sack so gut wie zu, aber das wars wie gesagt nicht. Paps hatte Influenza. Diese Krankheit hat bekanntermaßen bisher mehr Menschen getötet, als alle oben aufgeführten zusammen im Lauf aller Geschichten, und auch Dad schien jetzt Teil dieser Statistik zu werden. Hohes Fieber statt hoher Bademeisterei, wirklich hohes Fieber bei 90% Luftfeuchtigkeit und über 30 Grad C im Schatten ist erst schlimm, dann Tortur, dann Wahnsinn, dann ist man tot. Paps lag so hilflos wie noch nie in seinem Leben in seiner Kammer in seinem verschwitzten Krankenbett, was eine Pritsche war und die er plötzlich für die schaukelnde Koje auf dem Dampfer hielt, in dessen Bauch er als Hilfsheizer in der Hitze des Kesselraums geschuftet und der ihn von Eritrea in den Westen, allerdings nicht in den goldenen, sondern nach Abidjan gebracht und ihn dort, also hier gelassen hatte, phantasierte er an einem Stück. So kam das mit dem illegalen Status raus, was an dieser Stelle fast den Unterschied gemacht hätte – denn es ist ein Unterschied, ob man im kühl-klimatisierten, klinisch-reinen, hellen Hospital-Zimmer unter pflegerischer Aufsicht liegt oder in einer kleinen, stickigen und natürlich dunklen Domestiken-Kammer unterm Hoteldach mit unbarmherziger Sonne oben drauf.

Ihm war, dass glühende Insekten ohne Unterlass auf und unter seiner Haut herumrasten. In einem klaren Moment kam ihm der Gedanke, es könnten realiter Kakerlaken sein und als er von unendlichem Selbstekel aufgepeitscht, es schaffte nachzusehen, musste er feststellen, dass es sich um Wasserasseln handelte. Wobei ihm jetzt wiederum zu schaffen machte, woher er denn mit solcher Bestimmtheit sagen könne, es handele sich um Wasserasseln und schon gar nicht, woher sie jetzt kommen. Wasserasseln sind seit mehr als 250 Millionen Jahre auf der Welt, dozierte der maitre, hängen faul in ihrem Element rum und reinigen es, indem sie die organischen Abfälle und Überbleibsel daraus vertilgen. So halten sie es und nicht anders. Zuviele an einem Ort sind ein Zeichen von verunreinigtem Wassser, hatte maitre Gwunho weitergesprochen, wichtig zu wissen, wenn man als Verantwortlicher für ein Schwimmbad tätig ist. Auf ihre Art und unter Einwirkung eines schlimmen Fieberschubs, konnte man sie durchaus als archaische Bademeister einstufen, fand Paps, doch greifen ließ sich das alles nicht, da seine von Schüttelfrost schlotternden und fliegenden Finger dazu nicht in der Lage waren. Oder weil sie gar nicht in echt existieren, dachte Dad resigniert. Er sah in der Luft, die war ganz klar zum Schneiden dick, Gespenster (das waren nat. die Ahnen), sein Sein und Denken zerfaserten in Halluzinationen. Ertrinkende und Verdurstende füllten die Kammer, und solche, die an schlechten und von vergifteten Wasser peinvoll starben. Mann, es war übel.

Alle schrien, stöhnten, ächzten in schlimmer Qual, Menschen wie Tiere, woran er Schuld sein sollte. Also nicht er direkt, sondern der maitre. Beziehungsweise nicht der maitre, sondern der davor. Bzw. der davor und eigentlich auch all die anderen, die daneben und wiederum dahinter standen. Die irren Halluzinationen wurden Vision, Blen konnte lange Reihen von ihnen überblicken, Männer, Frauen, standen vor seinem Lager, alle Hautfärbungen, alle Haarfarben, alle Augenfarben, jeden Alters, bis zurück in die Steinzeit und noch weiter wohl, bis hin zum ersten, der war der erste Wasserhüter, das war schon haarig. Es gab auch einen anderen, der musste sich um die Glut kümmern, damit das Feuer von Rastplatz zu Rastplatz weitergetragen wurde und es gab ihn: der, der wusste, wo auf den Wegen welche Pflanzen Wasser spendeten und die sauberen Quellen lagen, wo die Furte, um Flüsse sicher zu überqueren, welche Bewegungen man machen musste, wenn Strömung beim Fischen einem die Beine unterm Arsch wegriss und ohne die man absaufen würde, jemand, der Bäche, Teiche, Sümpfe, Seen besser kannte und die darin wohnenden Gottheiten zu besänftigen wusste und diese im richtigen Maß zu ehren und zu huldigen, und darum mit den heilenden Kräften von Wasser umgehen konnte wie mit den krankmachenden – aber auch sagen, wann Regen käme und der Fluss über die Ufer treten, so dass man Kanäle anlegen und die Felder bewässern, da war der Anfang schon lange vorbei. Und von dort wieder zurück bis in die Gegenwart, irgendwo in diesen Reihen standen seine leiblichen Eltern.

Sie traten nicht hervor, das war voller Schmerz, aber nicht so knochenbrechend wie das Fieber. Sogar Verständnis entwickelte sich in Blens heißgekochten Synapsen, denn alle beide gehörten sie dazu; für eine Familie ist es schon schwer, wenn nur einer der Partner initiert ist. Blen konnte man darum ebenso als Produkt einer starken Liebe bezeichnen, die gegen die Vernunft versucht hatte aufzubegehren, wie sie der Herzlosigkeit seiner kommentarlosen Aussetzung bezichtigen. Alles ist immer gleichzeitig und ganz gewiss war die Schwelle, auf die du damals in Dekemhare gelegt wurdest, nicht willkürlich gewählt, sondern voller Sorgfalt, knisterte beruhigend eine übergroße Wasserassel direkt neben Blen. Aha, delierierte Blen beunruhigt, so hängt das also zusammen, und meinte damit die übergroße Wasserassel. Aber da hing gar nix mehr zusammen, und es war wirklich ziemlich verstörend, Paps bekam große Angst. Anfangs wehrte er sich darum noch gegen ihr Erscheinen mit Treten, Schlagen, Kratzen, Beißen, Spucken, Schreien, Heulen, Jaulen, Zischen, Zähneklappern und als er vor Erschöpfung keines dieser Mittel mehr einsetzen konnte, unheilvollem Augenrollen. Diese allerletzte Maßnahme führte allerdings dazu, dass Blens Realität sich für einige Zeit in einen kotzegefüllten Vortex wandelte.

Unverdrossen wickelte derweil die Assel Paps überhitzte Gliedmaßen in saubere Tücher, die mit einer frischen, hellgrünen Paste (Minze und Eukalyptus spielen dabei eine Rolle) bestrichen waren und das Gefühl herrlich kühlen Morgentaus auf der Haut verursachte. Dann brannte sie irgendwelches Rauchwerk ab, was die Miasmen vertrieb und Blen das Atmen erleichterte und kochte bekömmliche Teechen und Süppchen, damit mein Vater nicht nur Dinge von sich gab, sondern auch wieder welche zu sich nahm. Gegen die Ertrinkenden und Verdurstenden unternahm sie nichts, die blieben klagend noch eine Weile in Blens Kammer bestehen, um sie mit gruseligem Stöhnen, Ächzen und Geschrei zu füllen. Sie verschwanden erst, nachdem er ihnen voll fiebriger Inbrunst versprochen hatte, alles zu tun, um ein guter Wasserhüter zu werden, vorausgesetzt, er verrecke jetzt hier nicht, was ihr Krawall aber durchaus bewirken würde. Ihr stilles, unspektakuläres Verschwinden unterstrich den Ernst, mit dem Paps Versprechen aufgenommen worden war. Man konnte es aber auch als ersten Erfolg des emsigen Werkelns der übergroßen Wasserassel deuten, Dad war da nicht sicher und ihm war sehr klapperig zumute. Die Ahnen, Vorfahren, Vorangegangen gingen nicht so schnell, sondern bevölkerten Blens Kammer weiterhin, aber das war nicht tödlich-erschöpfend wie die Verdurstenden und Ertrinkenden und ihr Schreien, Keuchen, Gurgeln. Blens Kehle fühlte sich trocken und rauh wie Reibeisen an, offenbar hatte er der Gesamtheit seiner Fieber-Delirieen seine Stimme geliehen. Er erinnerte sich, wie er später eine raunende und raschelnde Unterhaltung mit den Ahnen hatte, da gings darum, wie aus Wasserhütern maitre nageurs hatten werden können, und die übergroße, sorgsame Wasserassel wisperte, das sei ganz leicht zu erklären, denn es sei wie mit der Influenza, worauf die Ahnen zustimmend und anerkennend murmelten, was der asellus aquaticus durchaus zu schmeicheln schien, wie mein Vater irritiert bemerkte. So, sprach die Wasserassel und fächelte leise dabei mit ihren langen, feinen Fühlern Blen frische Luft zu, wie die vielen Namen der Influenza kamen und gingen, sogar gleichzeitig und nebeneinander existier(t)en, auf das darum zwei oder mehrere über ein und diesselbe Sachen reden könn(t)en, ohne zu bemerken, dass es um ein und diesselbe Sache geht, ist es auch mit der Wasserhü- und Bademeisterei. Alles fließt. Alles ist Evolution. Unveränderbar.

Die Dinge verändern sich demnach, ohne sich zu ändern, fabulierte Blen und kam sich schlau vor, während er versuchte zu begreifen, wie die Wasserassel gleichzeitig in Vergangenheit und Gegenwart hatte sprechen können. Die Veränderungen können so stark sein, dass das Urspüngliche gar nicht mehr erkennbar ist, entgegnete die Wasserassel. Was früher ein Wasserhüter, kann heute ein maitre nageur sein, muss aber nicht. Und nicht jeder maitre nageur heute ist ein Wasserhüter. Aber ich bin doch einer?! stellte Dad mit glühendem Kopf fest. Du hast jedenfalls versprochen, ein guter zu werden, murmelte die Wasserassel und transformierte zu Paps großen Erleichterung Stück für Stück, jeden Tag ein bisschen mehr zurück zu maitre Gwunhos ursprünglichen Aussehen. Wobei man dies auch als Zeichen nehmen kann, dass mein Vater die kritische Phase überwunden hatte, dabei aber eher aus einem dunklen Tal kam als über einen Berg ging.

Letztendlich hatte Paps wieder halbwegs alle beisammen, und er versuchte sich einen Reim auf die multiplen Erscheinungen und das Erlebte zu machen, was schon mit der Frage begann, hatte er wirklich was erlebt oder war es Fieberwahn und in tieferem Sinne bedeutungslos – bon, unterbrach maitre D.G., der ganze Visions-Kram kommt erst viel später in der Ausbildung und natürlich ohne Influenza. Ansonsten reduzierte er die Situation auf die Frage, ob Blen nun mal endlich anfangen wolle ein maitre zu werden, einen Spaziergang könne er langsam vertragen, der dann nicht ganz zufällig am lokalen Kräutermarkt vorbeiführen würde, auf dass sein angehender Schüler einen sehr plastischen Eindruck davon bekäme, was die Phrase „Fülle der Stoffmenge“ hier bedeute und wie sehr dieser Anblick die Länge der Studienzeit relativiere und einen kurzen Moment lang wünschte sich Blen die übergroße Wasserassel zurück. Ausserdem bleibt viel Arbeit im Schwimmbad liegen, die die Tagelöhner nicht ausführen können, weil sie keine Ahnung davon haben, grantelte maitre Gwunho weiter. Hö? Tagelöhner? krächzte Dad, eh bien, die wir von deinem Ersparten angeheuert haben, um dein Kranksein vor der Hotelleitung zu vertuschen, damit du deinen Job behältst, knurrte der maitre darauf. Hö? Erspartes?? krächzte Dad, eh bien, dann wars wohl nicht dein sondern mein Erspartes, versetzte gleichmütig der maitre, also allez jetzt mal und vas-y! Eh es dunkel wird, sind wir wieder zurück. Und wenn wir das nächste Mal dorthin gehen, gehen wir nicht nur dran vorbei, sondern zu den Kräuterverkäufern, die ich alle gut kenne und denen allen ich dich dann vorstellen werde. Wie findest du das, Blen, ist doch ein guter Anfang. Blen fand, das sein kein schlechter Abschluss für diese Geschichte und kroch bisschen schlapp noch von seinem Lager. Das olfaktorische Feuerwerk des Kräutermarktes nach der Zeit in seiner dunklen, muffigen Kammer kam ihm vor wie eine Offenbarung.

Fortsetzung folgt.

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