Bademeister, gehackt

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Hatte mein Dad da vielleicht einen Pakt mit dem Teufel geschlossen? Denn seit dieser (seiner, nicht meiner) Entscheidung kommen wir aus der Sache nicht mehr raus.

Ich jedenfalls wollte alles mögliche, aber nicht das werden, diss steht mal fest. Nein, nicht alles mögliche. Polizist wollte ich werden, der erste afrodeutsche. Aber am Ende wurde ich – Bademeister. Und, um das ein für alle mal klar zu stellen: ich bin ein richtig echter, nicht nur nominell der Geschichte wegen. Zweieinhalb Jahre Berufsfachschule, verschiedene Praktika, Hamam z.B., Tellak nennt sich der Bruder dort. Als ich Bademeister wurde, war ich allerdings ganz unten. Wirklich. Ganz. Unten. Ganz unten war ich, weil mir Jahre zuvor Konrat Morgen, damals er noch Kampfmittelräumer und ich Polizeischüler, über den Weg gelaufen war. Zufall, versteht sich, oder so. Ich wurde Bademeister meiner verrückten Schwester zuliebe, die darin meine Rettung sah und damit richtig lag. Tzega nämlich hatte sich ganz wissenschaftlich mit afrikanischen Ahnenkulten beschäftigt in Vorbereitung einer ausgedehnten Afrika-Expedition zwecks Befragung von Heilern, Zauberern, Schamanen, Priestern, Hexenmeistern, Magiern, Geisterbeschwörern, Dämonenaustreibern und Götzendienern, um deren tatsächliches pharmazeutisches Wissen anzuzapfen. Meine Schwester studierte damals Pharmakologie und sie war lange weg in Afrika auf Expedition.

Als sie wieder zurückkam, hielt ich mich mittlerweile für ziemlich wahnsinnig und nicht nur ich. Diesen Zustand hatten die Pythagoräer Stück für Stück herbeigeführt. Meine Erinnerungs-Schübe waren ihnen lästig, die löschten sie auch umgehend immer wieder, aber eigentlich war ich für sie ein Kollateralschaden. Schlimme Zeiten waren das, Kopfkrieg sozusagen. Mom war unglaublich besorgt. Wollte helfen. Sagte ich ihr, Mom, tut mir leid, aber ich krieg meinen Scheiß nicht auf die Reihe, weil offenbar eine geheime, allmächtige Organisation mein Leben sabotiert, ich weiß wirklich nicht warum, was willst du da helfen … . Oh Mann, ihren Blick darauf hättet ihr sehen sollen. Sie ist meine Mom, sie wusste aus ihrer Momheit heraus, ich erzähle ihr keinen Mist. Aber es war ja damals sogar für mich selbst einfacher anzunehmen, Ezra Fitz hat ein paar üble Systemfehler entwickelt, die ihn immer geradewegs in die Scheiße marschieren lassen. Mann, es war verworren, mit einem Wort. Und wenn einem sowieso alles unauflösbar ohne Sinn und Verstand vorkommt, dann kann man auch Dinge tun, die einem zuvor weder in Sinn noch Verstand gekommen wären. Ausbildung zum Bademeister beispielsweise. Ob ich Beweise hätte für meine geheime-Organisation-These, fragte Tzega immerhin kurz nach ihrer Rückkehr, bevor sie mit dieser Bademeisterausbildungs-Kiste rumkam. Nunje, Beweise. Von den Pythagoräern. Was für Beweise denn. Tzega machte dann kurzen Prozess.

Sie sagte: Mein „Missgeschick“ ließe sich ihrer Meinung nach ganz klar auf mein Negieren meiner afrikanischen Wurzeln zurückführen. Darum würde ich an meinen im übrigen selbstgestellten Ansprüchen immer wieder scheitern. Niemand erwarte von mir, dass ich der erste schwarze Superdeutsche würde. Peng, voll vor den Kopp, starker Tobak, was. Tja, meine Schwester. Sie habe in Abidjan ein paar alte Leutchen getroffen, die sich noch an unseren Vater erinnern konnten. Vielleicht sollte ich es mal mit der Bademeisterei probieren, sie habe ja auch das Leben von Blen Fitz grundlegend verändert. Das Vermächtnis der Ahnen erfüllen, den Traum von Großvater Fitz, als Bademeister sein Glück in Europa zu machen, sagte sie noch halb im Scherz zum Schluss, aber das war bei all ihrer Wissenschaftlichlichkeit wirklich nur ein halber Scherz. Wie gesagt, Tzega war da gerade von ihrer Kreuz-und Quer-Expedition aus Afrika zurück. Sie hatte voll den afrikanischen Durchblick. Und bei allem esoterischen Humbug war in ihren Worten natürlich auch ein Körnchen Wahrheit. Wenn sie damit gemeint hatte, ich hätte mich nie mit dem Leben und Schicksal unseres Vaters auseinandergesetzt, war das nicht falsch. Erstens, Heiler waren für mich Figuren aus dem Mittelalter und wir befanden uns im ausgehenden 20. Jahrhundert. Zweitens hatte ich mich nie von dem Gefühl lösen können, Pap hätte uns nur aus Eritrea fortgeschafft, um die familäre Belastung los zu sein. Und jetzt meinte Tzega, auch wenn es verrückt klingen würde, Bademeister-werden könnte mir helfen, sich auf mich zu besinnen und den Dingen meines Lebens den richtigen Drive zu verleihen. Die Polizei-Sache sei unglücklich geendet, und mein Informatik-Studium mache mich offenbar nur noch paranoider, als ich es von Natur aus schon sei. Und letztlich könne ich es ja systemisch betrachten: ihre verrückte Bademeister-Esoterik versus meine verrückte Story von einer geheimen Organistation, wähle das sozial anerkanntere, easy, oder. Außerdem läge ich Mom auf der Tasche, das könne ja so nicht weitergehen. Ich wählte erstes, um meiner Schwester zu beweisen, die Pythagoräer würden auch diese Entwicklung unmöglich machen – aber Wunder. Es passierte gar nichts. Es war, als würden sie nicht existieren.

Natürlich waren sie nicht weg. Nein, wie ich heute weiß – ich war interessant geworden, jedenfalls in den Augen von Doktor Ernest Noslo. Kein Kollateralschaden, sondern möglicherweise Teil der Geschichte … . Bademeister zu werden war der Hack meines Lebens, denn ich hatte mein Leben gehackt. Und wie Tzega es vorausgesehen hatte, änderte sich alles grundlegend. Denn darum ging es Pap, als er das Angebot maitre Gwunhos annahm: die Möglichkeitkeit, durch eine grundlegende Wendung des Schicksals über sich selbst hinauswachsen zu können. Das ist des Pudels Kern, was meinen Dad betrifft. Bei maitre DG war das noch ein bisschen anders.

Eine Frage bleibt wohl trotzdem im Strudel des Universums: wieso Bademeister? Wenn maitre Gwunho nicht ein maitre nageur gewesen wäre sondern de cuisine, wäre mein Dad dann Koch geworden? Oder Barkeeper? Der Obermixologe, der Master-Barkeeper ist übrigens gerade ein Japaner, falls es jemanden interessiert. Wäre ich dann „the Bartender“, so eine Art Papa Midnite? Ja, das wäre möglich. Vielleicht wäre Konrat Morgen dann sogar ab und zu mein Gast. Er wäre aber immer noch der Turmspringer. Jemand anderes würde dann sein Bademeister sein und an meiner Stelle seine Geschichte erzählen. Denn eins ist Fakt: der Turmspringer entstand durch Bademeister. Wir Bademeister waren zuerst da.

Fortsetzung folgt.

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