Trinkgeld und Linsengericht

english version

Ja, da fing es an. Jedenfalls für meine Familie. Für die Leute des Turmspringers begann es natürlich woanders. Und wannanders. Hat nicht aufgehört bis heute. Für keinen von uns. …

Dad also dachte im ersten Moment nur an Trinkgeld, Trinkgeld, Trinkgeld. Oder richtiger: er sah einen dichten, warmen, wenn auch imaginären Regen von Goldtalern auf sich niedergehen blingelingblingbling. Und vielmehr konnte er damals ja nicht weiterdenken – denn dann hatte ihn schon maitre Gwunhos tückisches Teechen (von Schlangenwurz) aus den Latschen gehauen. Dieses Latschen-hauen allerdings „konservierte“ sozusagen Paps erste Reaktion auf das krasse Angebot m. D.G.s unverfälscht. Was ganz gewiss in dessen Absicht lag. So hat Dad es Mom erzählt, als er ihr von seinen Abenteuern in Westafrika erzählte, als es darum ging, warum mein Dad wurde, was er geworden war, hat meine Mom Tzega und mir später in Deutschland erzählt. Hatte ich nur lange vergessen. Meine Schwester Tzega erinnerte mich daran. Konfrontiert mit der Möglichkeit der Realisierung der verrücktesten Träumerei von Dads Ziehvater, die in Eritrea komplett irrsinnig geklungen hatten, dachte mein Vater als erstes an den materiellen Gewinn. Das ist nicht schlimm. Das ist menschlich. Maitre D.G. wusste das natürlich. Dad sollte es wohl nur nicht vergessen. Hat er auch nicht, im Gegensatz zu mir. Und auch wenn es als nebensächliches Detail hier erscheint – für meinen Vater war die Erinnerung an diesen Moment ein lebenlang Waffe gegen die Hybris, die als schwarze Magie jeder Meisterei immanent ist.

Le pourboire de pool jedenfalls waren ab jenem Tag zwar tatsächlich Dads Pfründe, doch er musste es komplett beim Oberaufseher abliefern. Maitre Gwunho hatte wohl den Umstand übersehen, dass mein Dad sich nicht in der maitre-Gwunho-Position gegenüber dem Oberaufseher befand. Der maitre war dem Oberaufseher unheimlich, aber vor meinem Vater machte er den rassistischen Despoten. Im übrigen spielte diese Figur im betrieblichen Ablauf nur eine Rolle, wenn mal wieder eine Dame der Gesellschaft beim Planschen, Schwimmen, Tummeln im Wasser „zu ertrinken“ drohte und „gerettet“ werden musste. Das „Retten“… erstreckte sich gewiss auch auf meinen Dad und keine Ahnung, in wie weit hier die Kolanuss eine Rolle gespielt hat. Das … hat Dad Mom gegenüber nie erwähnt und selbst wenn, ist das … sicher nicht der Stoff zum weitererzählen an seine Kinder. Das … hat mir in der Trance der emotionalen Dimension Dad selbst erzählt. O Mann, erzählt ist zuviel gesagt. Hat mich mit pfiffiger Miene angegrient. Mir das Gefühl vermittelt, sich mal seinen Text selbst zu denken. Hab ich gemacht und dann die Trance schnell verlassen, denn verdammt nochmal Dad, wo soll das denn jetzt hinführen.

Vor allem sollte man nicht den Fehler machen, so Ausnahme als Regel zu verstehen.

Die Regel für meinen Dad war vom Morgen bis zum Abend jeden Tag Arbeit. Mittels der erwähnten Kolanuss hatte er den Laden auch in alleiniger Verantwortung bald im Griff. Und er hatte jetzt einen Lohn davon. Und wer was hat, dem kann man nehmen, und nicht nur der weisse Oberaufseher. Baute Dad Mist, konnte ihm das die Hotelleitung abziehen vom Lohn. Ganz klar, Dad baute keinen Mist. Aber es reichte, als Servierkraft am Pool einen Drink zu verschütten, um am Ende der Woche kein Geld ausgezahlt zu bekommen. War abhängig vom Preis des Drinks. Ist Dad aber auch nicht passiert, Getränke verplempern. Der Oberaufseher hat ihn versehentlich angerempelt, als Dad eine ganze Flasche einer dieser Wochenlohn-Killer auf dem Tablett servieren wollte. Auf Jahre wäre Dad in einer Schuldenspirale in diesem Hotel hängengeblieben. So eine Art moderner Sklave, nich. Diese Nummer hätte ihn fast geschafft. Das war, nachdem mein Dad auf sein Trinkgeld-Anrecht zu pochen versucht hatte.

Zu Paps großem Glück kam dann bald ein neuer, ziemlich junger weißer Chefaufseher. Der gab nicht den verknöcherten Rassisten. Der lachte, als Blen ihm das Trinkgeld aushändigen wollte. Der meinte, sie leben im 20. Jahrhundert, nicht in der Sklaverei. Le pointe rettete meinen Vater. Dem ging allerdings voraus, dass Blen den alten Aufseher ersoffen im Pool gefunden hatte. Dafür gab es keinen Grund, denn der war Rettungsschwimmer respektive kerngesund gewesen. Hatte aber an jenem Tag schlimmes Gewitter gegeben. Also ging man von Blitzschlag aus, was den Oberaufseher erwischt hatte. Auch dafür gab es keine Erklärung, also das ein Rettungsschwimmer bei Gewitter schwimmen geht: aber offenbar passiert sowas. Natürlich geriet mein Vater einen Augenblick in Verdacht, die Flaschen-Affaire war ja bekannt im Hotel. Die Hotelleitung wusste, dass die Möglichkeit bestand, der alte Oberaufseher könnte Blen mit Absicht gerempelt haben, damit die Flasche herunterfiel. Aus diesem Umstand könnte man ein Motiv für Rache konstruieren. Aber für ein Gewaltverbrechen fanden sich keine Spuren am toten Körper des Oberaufsehers. Außerdem hatte mein Dad sowas wie ein Alibi. Keinen Glauben schenkte die Hotelleitung dem Gerücht aus der Belegschaft, das den maitre mit diesem Tod in Verbindung bringen wollte. Schließlich hatte der zum festgestellten Todeszeitpunkt des alten Rettungsschwimmers der Hotelleitung gerade eine massage de wellness verpasst. Blen selbst hatte dem maitre die Massagebank zur Hotelleitung tragen müssen. Blen hatte so auch flüchtig gesehen, wie der maitre noch schnell einen kleinen Sack, prall gefüllt mit Linsen, mit einem kräftigen Ruck öffnete, die Linsen wie Innereien in eine Schüssel voller Wasser schüttete und das leere Säckchen mit einer lässigen Handbewegung ins Feuer warf. Dann erst begaben sie sich zur Hotelleitung. Linsen müssen quellen, sonst kann man sie nicht verarbeiten. Der maitre aß gerne Linsengerichte. Normalerweise hatten die Linsensäcke Gwunhos nicht das Textilmuster der Badehose des alten Oberaufsehers. Aber maitre Gwunho kommentierte seine Linsen-Gericht-Vorbereitung in der Regel nicht, und Blen hatte es eilig. Gewitter im Anzug, er musste eigentlich die Sonnenschirme sichern, stattdessen hatte er dem maitre die Massagebank zu tragen, wollte ihn denn jetzt jeder reinreiten …? Voraussehbar, Dad schaffte es nicht mehr rechtzeitig zurück. Auf halben Weg retour zu den Pools entlud sich das Gewitter mit Blitz und Donner, wenn auch ohne Regen und Wind. Vielleicht hatte der alte Oberaufseher Blens Versäumnis mit den Sonnenschirmen bemerkt. Sehr unwahrscheinlich aber nicht unmöglich, wollte er selbst die Schirme sichern. Wieder wahrscheinlicher wenn auch eher selten, traf ihn dabei der Blitz. Der Oberaufseher stürzte elektrogeschockt in den Pool. Da ertrank er dann. Niemandem fiel das auf, denn außer dem Poolboy ist bei schlechtem Wetter niemand am Pool und der Poolboy hatte in diesem Fall dem maitre die Massagebank tragen müssen. Hatte nicht mal geschafft, die Sonnenschirme zu sichern. Gut, dass kein Sturm einen zerstört hat, Reparaturen hätten gleich vom Lohn abgezogen werden müssen. Am Abend gabs von maitre Gwunho zubereitete Linsen mit Speck vom Schwein. Ende Gelände. Keiner der beiden sprach von irgendwelchen Mustern auf Säckchen. Die Dinge mit dem neuen Oberaufseher sortierten sich schnell zur jeweiligen Zufriedenheit, die fatale Flasche Whiskey war der Hotelleitung bald ersetzt, da setzte sich Dad zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Abidjan hin und schrieb einen Brief. Also teilte er seinen in der Nähe von Dekemhare lebenden Eltern endlich mit, an was für Ufer es ihn verschlagen, was er getan hatte und was er zu tun gedenke. Zu tun gedachte mein Dad, ein maitre nageur zu werden wie maitre nageur Gwunho einer war. Hatte mein Vater eigentlich eine Chance, einen anderen Weg zu gehen, als den von maitre Gwunho vorgezeichneten?

Fortsetzung folgt.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Trinkgeld und Linsengericht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s