Kolanuss und Schlangenwurz II

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Da fing es an. Zuvor brauchte Dad noch weitere 3 Kolanüsse, die ihm der maitre auch bereitwillig eine nach der anderen im Laufe jener Nacht aushändigte, Dad dabei durch die Gläser einer riesigen Brille aufmerksam musternd. Maitre Gwunho selbst machte natürlich keinen Finger krumm, schlürfte weiter ab und zu von seinem unten erwähnten Tee und beobachtete meinen Dad beim Schuften.

Kolanuss enthält Koffein, das macht fit, ist aber nicht der Punkt. In der Kolanuss verbirgt sich neben dem Koffein eine Substanz, die man, übersetzt aus dem Griechischen, Gottes Speise nennt und die macht high. Theobromin (theo wie Gott, broma wie Speis = Gottes Speise. …nein mann, nicht Götterspeise! Lass dich doch nicht so einfach ablenken!) gibs in Kolanuss um ein paar Punkte höher dosiert als zum Beispiel in echter Schokolade und es erzeugt jetzt nicht den hammerharten Rausch, von dem einem schlagartig der Kopf platzt, nein nein. Es verpasst dem Konsumenten prächtiges Körpergefühl und das macht gute Laune, also richtig gute, und gute Laune wiederum zusammen mit Koffein – da entsteht das, kennt jeder das Gefühl, diss lass-mal-loslegen-Gefühl, getriggert vom körpereignen Adrenalin. Nur knallt das bei Kolanuss dann halt richtig. Rund wird die Sache durch haufenweise Stärke, die in der Kolanuss noch drin ist. Die verhindert, dass der hochgefahrene Kreislauf den Körper in einen Hunger-Ast laufen lässt, jedenfalls nicht so schnell. So auf die Art läuft das mit Kolanuss. Kannste selber ausprobieren, gibs frisch in fast jedem Afroshop, jedenfalls hier in Berlin.

Damals in Elfenbeinküste, da war es noch nicht die Rep. Côte d’Ivoire, da in Abidjan, im Hotel Ivoire, das Hotel mit der größten Poolanlage von Afrika und Afrika ist riesengroß, schaffte es mein Dad in einer einzigen Nacht, vielmehr in den paar nächtlichen Stunden, in denen der letzte Hotelgast endlich pennen und der erste noch nicht aufgestanden, schaffte es mein Dad also tatsächlich sämtliche beschädigten Fliesen in der weitläufigen Schwimmbad-Anlage dieses Hotels, das Wasser bis zum Hals und drüber, aber ebenso verstopfte Filter, kaputte Unterwasserbeleuchtungen, poröse Dichtungen und so Kram, im funzeligen Schein einer alten Taschenlampe, mit der maitre Gwunho eher rummurkste statt Licht zu machen und, wie gesagt, Blen aufmerksam beobachtete, so erzählte Dad später Mom mit schlecht verholenem Stolz, als er um sie freite und vor ihr bisschen auf den Putz hauen wollte, um darauf hinzuweisen, was für wahrer Teufelskerl er schließlich sei, erzählte Mom verschmitzten Blickes eines Tages mal Tzega und mir, zu säubern, zu reparieren und auszutauschen, und zwar noch bevor der Morgen graute. Ja. Ja. Ja. Genauso wirkt die Kolanuss. Alles klar? …

Alles fertig? fragte maitre Gwunho Dad, als gerade die Sonne aufging und Blen vom Licht geblendet die überreizten Augen schloss, und das war nur eine rhetorische Frage, denn um das rauszukriegen, hatte der maitre ja doch die ganze Nacht mit Blen rumgehangen und es war ganz ersichtlich alle Arbeit fertig. Also fragte er weiter, und das war die wichtigere Frage: Wie fühlst du dich, Blen?

N’ud, antwortete Blen prompt in seiner Muttersprache Tigrinja, weil er so fertig war. Das heißt auf deutsch „göttlich“ und sieht in tigrinisch so aus:

ንኡድ

göttlich also, erwiderte der maitre, ist ein Synonym für eine Menge Begriffe, als da wären … und er schickte sich an, sie aufzuzählen. Nein. Das ist totaler Quatsch und ausgedacht. Schon allein „göttlich“ in den vielen Sprachen auszusprechen, die Divoire Gwunho intus hatte, würde jeden vernünftigen Zeitrahmen sprengen. Vielmehr war es so, das – … Blen?

Na klar, murmelte Blen, die Augen immer noch geschlossen, mit mehr Kolanuss alles gar kein Problem, ich bin Sisyphos, ich versteh jetzt langsam, was Ihr da meint mit dieser Geschichte maitre nageur Gwunho, ich kenn den ganzen Pool jetzt maitre nageur, von hinten bis vorne maitre, kann ewig so weitergehen, nur die Sonne ist so grelle helle mai-… ma-… -Blen so antwortete.

Zeit für ግዜ ዕረፍቲ meinte maitre Gwunho darauf und seine Augen wirkten wirklich riesig durch die Gläser seiner Brille. „Gzee ‚ërefti“ ist das tigrinische Wort für Muße und als Blen es hörte, bekam er das Gefühl, das mehr als eine Lektion zu Ende war – aber dass es eine Lektion war, stand ja außer Frage, niemals hätte der maitre ihn aus reiner Schikane die ganze Nacht so durch die Pools gejagt von einer Ecke in die andere, oder doch? Verdammt. Eine leichte kolanuss-induzierte Hysterie befiel Blen, die in hohen Hüpfern auf der Stelle nach außen drang, gekoppelt an ein dezentes Aufheulen auf dem Scheitelpunkt eines jeden Sprungs. Hüpfen fühlte sich gut an, besser als still stehen vor dem maitre. Dad spürte deutlich, dass ihn die Kolanuss weit über die Grenzen seiner Kraft getragen hatte. Stillstand in seinem Zustand würde schlagartiges K.o. bedeuten. Mehr Kolanuss? Und wieso nicht SisyphosTricksterFreund? Angespannt auf eine Erklärung des maitres wartend, hüpfte er still vor sich hin.

Die Poolanlage, mein Schüler, kennst du te-ke-ke-le, sonst hättest du gar nicht all die reparatur-bedürftigen Stellen gefunden so schnell, dass du in einer Nacht damit durchkommst, sprach maitre Gwunho. Aber die Kraft dafür hat dir die sakrosante Kolanuss verliehen, Samen eines Baumes aus der Familie der Stinkbaumgewächse. Diese Nacht war die deiner Prüfung und Initiation. Die Kolanuss hätte dich auch mit Kreislaufkollaps auf die Matte schicken können, dann wärst du womöglich im Pool ersoffen, darum hatte ich die ganze Zeit ein Auge auf dich. Es ist wichtig, dass du stark genug für die sanfte Kraft der Kolanuss bist. Es ist wichtig zu wissen, dass du stark genug bist, auch wenn das rechte Maß überschritten wird wie heute nacht wurde. Es wird Tage geben, an denen dir der weiße Pool-Oberaufseher des Hotels mit arrogantem Grinsen eine Aufgabe überträgt, die er für nicht lösbar hält. Du aber kannst die Kraft der Kolanuss benutzen, um die Aufgabe zu lösen, so wie du es heute nacht erlebt hast. Und gleichzeitig bewahrt dich ihre Kraft davor, dem Oberaufseher für diese himmelschreiende Ungerechtigkeit tüchtig aufs Maul zu hauen, denn daraus würden sich im Moment nur sinnlose Komplikationen ergeben. Dafür aber hast du keine Zeit. Nur …- was ist Blen?

Nur … der … 1. …Ge-… hilfe … hat … Kon-… takt … mit … dem … Ober-… Auf-… seher …, hopste Dad aufgeregt in einem kleinen Kreis um den maitre Gwunho herum. Diese unsinnige Regel besteht auch weiterhin, unterbrach Maitre Gwunho den Kreis und mein Dad hopste auf der Stelle weiter. Ich gebe die Aufsicht über die Poolanlage ab an dich als meinen Nachfolger mit allen Pflichten und Rechten. Du bist jetzt 1. Gehilfe des Oberaufsehers. Du bist jetzt fest angestellt in diesem Hotel mit einem richtigen Vertrag. Soviel zur bestandenen Prüfung. Ich selbst gebe von nun an den Hotelgästen in sessions exclusive wellness als feinfühliger masseur et naturopathe, sprach maitre nageur DG. Und ich habe so mehr Zeit als Heiler zu fungieren außerhalb des Hotels bei den Armen von Abidjan. Alles Höhere Bademeisterei, zu der du nicht fähig bist, denn dir fehlt das Wissen und die Erfahrung dafür. Aber die Kolanuss hat dir nicht nur das Bestehen der Prüfung ermöglicht, sondern sie hat dich damit gleichzeitig initiert. Was uns zu Teil zwei bringt von „diese Nacht war die deiner Prüfung und Initiation“. Deine Initierung öffnet dir die Tore zu eben jener Höheren Bademeisterei. Ich kann dich alles lehren, was ich weiß. Du kannst ein maitre nageur werden wie ich es einer bin. Wenn du dieses Studium bei mir beginnst und leichtfertig abbrichst, werden dich die Asanbosam mit allen ihren 6 Armen für den Rest deines Lebens nicht mehr loslassen und mit ihren eisernen Zähnen ganz langsam von innen auffressen. Die Studienzeit beträgt 7 Jahre. Danach ist dein Weg vorgezeichnet. Du bist verpflichtet, immer zum Wohle der Menschen zu handeln. Und du darfst dafür nichts verlangen, sondern nur nehmen, was man dir gibt. Brichst du dies heilige maitre-Gesetz, werden noch ganz andere Dämonen als die Asanbosam dich finden. Und die lassen sich weder von Zauber noch von Hexerei bannen. Es ist deine Entscheidung, Blen. Die Kolanuss zeigt nur auf die geöffnete Tür. Ob du hindurchgehst und in welcher Richtung, bestimmst du selbst. Viele hier würden einen Aufstieg vom le commis eines Schwarzen zum l‘ assistant eines Weißen eine wirklich steile Karriere nennen und manch einem genügt es völlig. Denk also nach über das Angebot der Kolanuss. Und vielleicht hilft dieses zapplige Rumhopsen in deinem momentanen Zustand dir beim Denken, aber ich bitte dich nun, arrête de faire le con*! Le sautillement me font vraiment chier**, hab mir ja auch die Nacht um die Ohren geschlagen. Hier, trink Schluck Tee.

drachenwurz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dieser langen Ansprache des maitres mit ihrem durchaus feierlichen Charakter ging ein Schimmer beginnenden Begreifens über das Gesicht meines Vater. Erschöpft und aufgewühlt stellte er das Hüpfen ein. Er nahm einen tiefen Schluck von maitre Gwunhos Tee.

Die gzee ‚ërefti-Wirkung dieses fürchterlichen Gebräus mit dem Geruch qualvoll gestorbenen Fußpilzes und aus verschiedenen Arten des Schlangenwurz aber vor allem des indischen, entspannte und beruhigte Blen sofort und dermaßen, dass mein Dad einfach wie ein nasser Sack umfiel. Zum Glück aber stand der maitre in Flugrichtung und so schlug Dad weich auf, als er murmelte: Das ganze pourboire von allen Poolgästen …? Alles meins, maitre, alles, jeden Tag?

Da fing es an.

Fortsetzung folgt.

*hör auf mit dem Scheiss         **Das Hüpfen geht mir tierisch auf den Sack

 

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